KUNST AM KARLSPLATZ. Mit „Turkish Delight“ zeigt Bildhauer Olaf Metzel unprätentiös Widersprüche unserer Zeit.
Spricht sie. Will sie sprechen. Kann sie sprechen. Denkt sie. Kann sie denken. Soll sie denken. Will sie. Kann sie wollen. Darf sie wollen. Soll sie. So beginnt Marlene Streeruwitz eine wahre Hymne an „Turkish Delight“, die Skulptur von Olaf Metzel, die seit gestern nahe dem Wiener Naschmarkt vor dem Project Space der Wiener Kunsthalle steht. Ziemlich gelassen. Ziemlich nackt. Bis auf ein Kopftuch.
In dieser irritierenden Verschmelzung der westlichen und muslimischen Kultur löst der deutsche Bildhauer, der in München lehrt, einen ganzen Schwall von brisanten Assoziationen aus, formal prächtig eingebettet in der abendländischen Kunstgeschichte des Frauenaktes. Vor zwei Jahren erst zeigte die Kunsthalle Krems, welche schwülen Haremsfantasien westliche Maler vor allem im 19.Jahrhundert zu bedienen pflegten. Wobei Metzel in seiner unterlebensgroßen Bronzeskulptur absichtlich nicht ein idealisiertes Frauenbild zeigt, wie es Werbung und Kunst entwickelt haben. Wichtig ist ihm auch eine „unprätentiöse“ Präsentation, damit kein Spektakel, keine Provokation den Blick verstellt auf diese Allegorie der Körperpolitiken.
Keine Angst vor dem öffentlichen Raum
Einfache Antworten, Lösungen oder irgendwelche moralischen Wahrheiten liefert Metzel mit „Turkish Delight“ aber keine. Jeder steht mit seiner Interpretation, seinen Assoziationen und Wertvorstellungen ganz alleine vor der gelassenen Frauenfigur auf dem grünen Rasen. Erstmals ist sie dem öffentlichen Raum ausgesetzt. Welche Reaktionen zu erwarten sind, weiß Metzel nicht. Keine unangenehmen jedenfalls, glaubt er: „Man sollte keine Berührungsängste zum öffentlichen Raum haben, sondern ihn als Podium für die Kunst benutzen.“ Ein Problem sehe er, wenn überhaupt, eher in Westeuropa, in einer „Schere im Kopf“ nach dem Fassbinder-Motto „Angst essen Seele auf“. „Die Kunst tut immer nur eines: Ihre Zeit abbilden. Ob diese Zeit auch wirklich getroffen wurde oder nicht, kann man sowieso erst viel später entscheiden“, so Metzel.
Von türkischem Sammler gekauft
Vor allem seine türkischen Freunde waren von „Turkish Delight“ begeistert, erzählt er. Bei der viel diskutierten Erstpräsentation auf der Kunstmesse „Art Basel“ wurde die Skulptur gleich von einem der wichtigsten türkischen Sammler gekauft, der sie in seinem Privatjet in seinen Palast am Bosporus fliegen ließ, erzählt der Künstler. Und auch das neue Istanbuler Modernemuseum sei an einer Version interessiert.
Hier in Wien, Schnittstelle zwischen Ost und West, sieht Metzel seine Arbeit jedenfalls besonders stimmig aufgehoben. 1952 in Berlin-Kreuzberg geboren, erlebte der Künstler als Kind die Veränderung des Viertels durch die zuziehenden Gastarbeiter. Daher, meint er, komme seine bereits 25 Jahre andauernde Beschäftigung mit Immigration. 2006 etwa hat er gemeinsam mit Fußballtrainer Christoph Daum für die Istanbul Biennale einen Kiosk mit Fanartikeln, Dokumentarfotos und Zeichnungen von Spielzügen von Daums damaligem Klub Besiktas gemacht. Ein Riesenerfolg. Wieder zu finden heute im Kölner Ludwigmuseum.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2007)