Pop. Arcade Fire aus Kanada erhitzten den Gasometer in Wien-Simmering.
Die Gasometer in Wien-Simmering: Wenn es je eine Band gab, die diese Kuppeln, diese Dome der Industrie hätte zwingend mit Schall füllen können, dann Arcade Fire. Aber ach, sie sind längst umgebaut, die Halle, die sie heute bergen, ist eng und niedrig. Es wurde trotzdem das Konzert des Jahres: von Beginn an eine Überforderung jeder maßvollen Akustik, überhaupt jeden Maßes.
Diese Band ist maßlos. Sie erzählt, nein: kündet von Großem, Unheimlichem, Überwältigendem, von brennenden Häusern, schwellenden Meeren, fallenden Bomben. Schon „Black Mirror“, der erste Song ihres großartigen zweiten Albums, der erste auch im Wien-Konzert, dröhnt nur so von wilden Weissagungen. „Alle Wörter werden ihre Bedeutung verlieren“, ist eine davon.
Geigen, Pauken, Orgel, alles her!
Dass dieser unverschämte romantische Anspruch nicht in hohlem Bombast, in Katastrophen-Kitsch mündet, das ist das wirkliche Wunder an Arcade Fire. Es liegt wohl in der brüchigen, dabei glühenden, sehrenden Stimme ihres Sängers Win Butler, die noch durch die dichtest aufgetürmten Klangwände dringt. Und natürlich an diesen selbst: Seitdem der irrwitzige Produzent Phil Spector in den Fünfzigern und Sechzigern aus vermeintlich unschuldigen Teenage-Dramen wahre Apokalypsen geformt hat, hat niemand mehr so konsequent nach dessen Formel gearbeitet. Die lautet: Genug ist nie genug. Wer Ausdruck will, darf den Aufwand nicht scheuen. Elektrisch und akustisch, die ganzen Heerscharen, Saiten über Saiten, noch mehr Geigen, noch mehr Chöre, Pauken und Trompeten, riesige Orgel, alle Register. Megafone sowieso. Mehr!
Dahinter steckt nicht nur Liebe zur Vehemenz, sondern vor allem das programmatische Überhöhen des individuellen Lebens in der Kunst. Wenn Win Butler singt, er wolle nicht mehr in seines Vaters Haus wohnen, ist das mehr als ein (mit Resten von Generationskonflikten verzierter) Übersiedlungsplan, es ist eine Secession, ein Exodus.
Das hat private Konnotationen (Butler zog von Texas über New York nach Montreal), politische (Régine Chassagnes Familie flüchtete vor der Duvalier-Diktatur aus Haiti), auch religiöse. Viele Motive stammen aus dieser Sphäre, nicht zuletzt in „Neon Bible“, dem in seinem beschwörerischen Raunen offenbar Ironie eignet, die dann doch klar macht: Das sind keine Mitglieder einer seltsamen Sekte, keine Heiligen vorletzter Tage. Obwohl sie in Zungen sprechen, von Auferstehung reden und den Ruf nach Freiheit spirituell fassen: „Save my soul!“
Regiert der Körper oder der Geist?
Was glauben diese Menschen? Auch „My Body Is A Cage“, das letzte Stück von „Neon Bible“, bleibt in seinem Trialismus von Körper, „mind“ und „spirit“ geheimnisvoll. Beim Konzert ließen sie es aus, wohl um das ohnehin schon erschütterte Publikum zu schonen, ersetzten es durch einen Song einer Band, die auch die großen Gefühle pflegte, freilich ganz anders: „Still Ill“ von den Smiths, mit der verwandten Frage: „Does the body rule the mind, or does the mind rule the body?“ Antwort: „I don't know.“
Bei allem konzertierten Getöse (von elf rastlos beschäftigten Musikern) geht es bei Arcade Fire zuletzt um Innigkeit. Im hoch dramatischen „Intervention“ etwa: Ohne Heimat werde jeder Funke von Freundschaft und Liebe sterben, warnt Butler da. Auch das ist ernsthafter Pop in Zeiten der „Flexibilisierung“, in denen die Erinnerung wesentlich wird, an Solidarität, Gemeinschaft, ja: auch Familie. Darum geht es, unter anderem, in einem der schönsten Arcade-Fire-Songs, „Neigborhood No.1 (Tunnel)“. In Erwartung seiner sich fortwährend steigernden Raserei raste das Publikum ab der ersten Zeile – ein zaghafter Nebensatz, der einen Schwall loslöst: „Wenn der Schnee meine Nachbarschaft begräbt...“
Keinen der vielleicht 4000 begeisterten Konzertbesucher konnte es im mindesten überraschen, dass Wiens Straßen am nächsten Morgen von Schnee bedeckt waren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)