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"American Gangster": Ohne Mittelsmann zum Millionär

(c) Universal Pictures
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Denzel Washington als „American Gangster“: Ridley Scotts neues Meisterwerk präsentiert sich als vorwiegend schmuckes Zeitbild. Ab Freitag im Kino.

Ein Gangsterfilm außerhalb der Familie ist nicht erst seit Coppolas Pate-Trilogie unmöglich. Die Spiegelung privater Beziehungsachsen in den Körper einer mafiösen Organisation erlaubt eine Erweiterung des Gauner-Stereotyps: Wenn Capo Tony in der TV-Serie „The Sopranos“ vom Schutzgelderpresser zum stabilen Familienvater wird, dann bröckelt vom amerikanischen Traum der Putz ab.

Der britische Regisseur Ridley Scott, spätestens seit seinem Hochglanz-Sandalenfilm Gladiator Herrscher über plumpen Bildbombast, erzählt in American Gangster eine klassische Geschichte: Aufstieg und Niedergang eines glamourösen Verbrechers im New York der ausgehenden 1960er. Frank Lucas (Denzel Washington in einer seiner besten Rollen) ist als Fahrer für einen mächtigen Unterwelt-Boss tätig und füllt nach dessen Tod die entstandene Leerstelle aus.


Mit Schaffensdrang in die Gangsterszene

Als Kind einer armen Arbeiterfamilie installiert er altmodischen Schaffensdrang in New Yorks hedonistischer Gangsterszene: Über einen Freund kommt er im kriegsgebeutelten Vietnam an hochwertigen „Stoff“, den er in Särgen gefallener US-Soldaten in die Heimat schmuggelt und ohne Mittelmänner zu günstigen Preisen auf der Straße verkauft. Binnen Kurzem erhebt sich der ehemalige Dienstleister nicht nur über Konkurrenten im Heroin-Geschäft (einen spielt Cuba Gooding Jr.), sondern verdonnert auch die ehrwürdige „Famiglia“ von Dominic Cattano (fantastisch: Armand Assante) zu regelmäßigen Schutzgeldzahlungen.

American Gangster basiert auf der Biografie des „echten“ Frank Lucas, der (nun an den Rollstuhl gefesselt) die Produktion begleitete. Scott zeichnet ihn als Entrepreneur im Chinchillamantel und bietet ihn der Gegenwart als Identifikationsmaterial an: US-Rapper Jay-Z, selbst vom Problemkind zum Multimillionär geworden, hat das Angebot angenommen, ein Konzeptalbum namens „American Gangster“ produziert. Im Film herrschen allerdings zeitgenössische Songs vor, unter anderem von The Staple Singers und The Rascals: Sie sollen dem Zuschauer bei Montagesequenzen das Einfühlen ins Harlem der 60er und 70er ermöglichen.

Ridley Scott arbeitet auch in diesem Film mit starken Gegensätzen: Frank Lucas steht der moralisch intakte Cop Richie Roberts (angenehm zurückgenommen: Russell Crowe) gegenüber, der im polizeilichen Korruptionspfuhl eine außergewöhnliche Stellung einnimmt. Seine Aufrichtigkeit macht ihn zum Verantwortlichen der „Essex County Narcotics Squad“ und damit zum ausführenden Organ von Nixons 1969 ausgerufenen „War on Drugs“. Gerade in der politischen Unterströmung seines Gangsterfilms gelingen Ridley Scott erhellende Momente: die Parallelisierung der Drogensucht von US-Soldaten mit der Dämonisierung von Rauschmitteln im eigenen Land und Lucas' Ausführung des amerikanischen Traums über den Umweg von vietnamesischem Heroin werden zur zeitgeschichtlichen Unterfütterung für den dramaturgischen Bogen.

Richie Roberts mag zwar ein ehrbarer Polizist sein, aber sein Familienleben zerbröselt ihm zwischen den Fingern und lässt ihn als unglücklichen Berufsmenschen zurück. Währenddessen quartiert Lucas seine erweiterte Familie in einer herrschaftlichen Villa ein und führt die Brüder ins Drogengeschäft ein. Die Wertemaßstäbe scheinen ausgehebelt: Nur die Zeit kann diese moralische Schieflage wieder begradigen.


Scheitern am moralischen Relativismus

American Gangster folgt damit der klassischen Inszenierung kriminellen Scheins: Als Prototyp mag Mervyn Leroys Little Caesarvon 1930 herhalten, der Edward G. Robinson zuerst auf die glamouröse Spitze der Syndikatspyramide stellt, ihn dann pädagogisch wertvoll in die Gosse abstürzen lässt. Aber Ridley Scott beherrscht die neoklassizistische Gangart nicht so perfekt wie etwa Martin Scorsese oder Brian De Palma: Scotts Arbeiten seit Gladiator atmen zwar filmhistorischen Geist, übersetzen ihn jedoch vorwiegend in schmucke Bilder.

So bleiben vom Gaunerepos lediglich Washingtons und Crowes Gesichter und die frenetische bis konzentrierte Kameraarbeit von Harris Savides im Zuschauerkopf hängen. Trotzdem ist es Scotts griffigster Film seit Jahren geworden: ein technisch virtuoser, schauspielerisch großartiger Versuch einer Biografie als Thriller als Zeitbild, der letztlich an seinem moralischen Relativismus eingeht. Man lernt: Die Ausdifferenzierung von Guten und Bösen raubt dem Genre seinen Unterboden. Das ist also die Gegenwart des Gaunerfilms: Ein Flirt mit der Schwarz-Weiß-Malerei der Vergangenheit, ein Blick in das Mausgrau der Zukunft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)