Volkstheater. Andreas Vitásek glänzt als Weinberl in „Einen Jux will er sich machen“. Der Gaststar reißt dabei das Ensemble mit und macht den Vormärz zum Kabarett.
Noch im Schlussapplaus nach der Premiere von Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ zeigte sich der Kabarettist Andreas Vitásek am Freitag souverän: Das Großaufgebot des Volkstheater-Ensembles verbeugt sich nach einem komplizierten Zeremoniell des Türen-Aufschlagens, der Gastschauspieler, der in der Paraderolle des spaßigen Gemischtwaren-Verkäufers Weinberl brilliert hat, tritt an die Rampe, zeigt auf den Souffleurkasten und bittet um Sonderapplaus. Der kommt dann auch recht rasch und sehr herzlich.
Vitásek hatte sich anfangs in einem der jazzigen, von Akkordeon und Klarinette begleiteten Couplets verhaspelt, noch dazu in einem harmlosen, und den Fauxpas mit einem „Sing ma's no amal“ überspielt. Irgendwann müsse man halt üben.
So viel Lockerheit wurde generös honoriert. Die späteren Spitzen gegen Ex-Finanzminister Grasser und seine neuen Finanzfreunde kamen treffsicher: Der Meinl räume den Kunden die Sackerln aus, wagt sich Weinberl in die rosstäuschende Welt des Kommerzes, und da ist diese Aufführung längst im Kabarett gelandet.
Auf einen Star zugeschnitten
Vitásek beweist, dass er zu den Besten dieser Zunft gehört und – welches Wunder! – reißt das sonst in letzter Zeit nicht gerade als entspannt bekannte Ensemble mit seiner Lockerheit mit. Regisseur Michael Schottenberg lässt den Star ungehindert gewähren, die Inszenierung beschränkt sich auf gut abgestimmtes Türenschlagen, Auf- und Abdrehen des Lichtes und reichliches Grimmassieren. Vormärzlich-Politisches bleibt rar, dieser Jux ist so einfach gebaut wie das Bühnenbild von Hans Kudlich: blaugraue Barackenwände, die je nach Bedarf verschoben, oder zum Verschwinden gebracht wurden, und auch die Verkleidungen sind rasch enttarnt: Johanna Mertinz als Frau von Blumenblatt ist gestylt und auffrisiert wie Elfriede Jelinek, sie spricht auch so, oder zumindest so, wie Nebentexter Schottenberg sich das vorstellt. Andy Halwaxx als ihr Assistent Briquett macht auf Kaffeeröster-Milliardär, mit Schönbrunner-Deutsch und dekadenter Mähne – das Publikum erkennt die Absicht und ist schlagartig heiter gestimmt.
Starkes Spiel von Katharina Straßer
Das Simple war nämlich beileibe kein Fehler. Denn diese beliebte Nestroy-Posse der Eheverwirrungen, des beherzten Aufsteigertums und diebischen Einsteigertums, die auf einer einfachen englischen Farce von 1834 aufbaut, verträgt das Leichte.
Und die Schauspieler scheinen es zu lieben. Mit großem Können behauptet sich die preiswürdige Katharina Straßer neben Vitásek, ja sie zeigt in ihrer Rolle als Lehrbub Christoph zuweilen auf, wo das Kabarett enden und das ganz große Schauspiel beginnen könnte.
Mitgerissen vom Elan dieses Duos wird Erwin Ebenbauer als Diener Melchior, er spielt präzise, ist tatsächlich „klassisch“. Auch Thomas Kamper als skurriler Kaufmann Zangler und Gabriele Schuchter als rustikale Witwe Fischer, die sich den Weinberl angelt sind ganz famos. Inge Altenburger als Miederwarenbesitzerin Anna Knorr gibt sich etwas verspannt, das scheint aber kein Wunder zu sein, wenn man die Auserwählte von Zangler ist. Annette Isabella Holzmann als Mündel Marie und Christoph F. Krutzler als ihr Liebhaber Sonders kämpfen ein wenig mit dem holzschnittartigen Spaß, der den Nebenrollen beschieden ist. Sie dürfen auch kein verfluchter Kerl sein wie Vitásek, sondern bloß ernsthafte Ausreißer. Das kann man mit Kabarett allein nicht bewältigen.
Gegen diesen unterhaltsamen Nestroy light spricht aber nicht viel, nur eine Grundregel hat die unaufdringliche Regie verletzt. Schwankhaftes, das sich über mehr als zwei Stunden zieht, dürfen sich nur die Allerbesten bei einem Soloprogramm leisten. Nach zweieinhalb Stunden aber, als mit allen Türen, Regenschirme und Taschen zugeschlagen worden war, deuchte es wohl so manchen, dass diese Aufführung bereits drei Stunden dauerte. Wer einen solch netten, einfachen Jux fabriziert, sollte die Krautfleckerl-Regel der Tante Jolesch beherzigen: Weniger ist oft mehr.
DER JUX: Chefsache
Direktor Michael Schottenberg führte bei diesem Nestroy am Volkstheater selbst Regie; Bühnenbild: Hans Kudlich, Kostüme: Erika Navas, Musik: Mischa Krausz.
Nächste Termine: 12., 13., 18., 19., 28. November. Telefon: 01 / 52 111-400
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)