Schulmodell. Lokalaugenschein bei der landwirtschaftlichen Fachschule Andorf in OÖ.
Wenn die Leute Landwirtschaftliche Fachschule hören, dann stellen sie sich vor: kochen, nähen und Traktor fahren“, sagt Hildegard Griesmayr-Aigner, Lehrerin für ECO-Design in Andorf: „Dabei lernen die Schüler bei uns so viele Fähigkeiten, eben weil die Praxis überwiegt.“
Hier im Innviertel, zirka eine Stunde von Linz entfernt, steht die berufsbildende mittlere Schule mit dem umständlichen Namen „Landwirtschaftliche Berufs- und Fachschulen Oberösterreich, Fachrichtung Ländliche Hauswirtschaft“. Der oberste Chef dieser Schule ist somit Landwirtschaftsminister Josef Pröll.
Die Chefin vor Ort ist aber die Direktorin Angelika Schwendinger. Sie selbst ist Boku-Absolventin, die zurück in ihre Heimatgegend zog, um hier zu unterrichten. Inzwischen leitet sie die landwirtschaftliche Fachschule, in der 38 Lehrer zur Zeit 180 Schülerinnen und einen Schüler unterrichten. „Früher waren wir eine reine Mädchenschule mit Internat“, so Schwendinger. Im ersten Schuljahr (9. Schulstufe) haben alle Schüler den gleichen Lehrplan, damit sowohl die Grundbildung gefördert wird als auch das Hineinschnuppern in alle Schwerpunkte möglich ist. So können die Schüler im praktischen Unterricht Großküchen kennenlernen, Haushalte managen und sich im Gartenbau und textilen Gestalten verwirklichen.
Nur ein männlicher Schüler
Der 14-jährige Gabriel Pichler, erster männlicher Schüler: „Bis jetzt gefällt mir textiles Gestalten und kochen sehr gut. Aber nächstes Jahr will ich den Schwerpunkt Gesundheit und soziale Berufe wählen.“ Im Internat hat er ein Einzelzimmer. Vielleicht ändert sich das, wenn mehr junge Männer hier einziehen.
Die Mädels wohnen in Viererzimmern, wo sich schnell Freundschaften bilden. Manche sind von der Internatsgemeinschaft so angetan, dass sie hier einziehen, obwohl sie nicht weit weg wohnen. Kein Wunder, erfüllt doch nur der Zeitplan das Klischee der gestrengen Internatserziehung: 6.00 Uhr aufstehen, Schule ab 7.30, Abendessen 17 Uhr und 21.30 Uhr Nachtruhe und Handy abschalten. Aber angefangen vom Essen (Zertifikat Gesunde Küche mit hohem Bioanteil) über die mit Multimedia ausgestatteten Aufenthaltsräume bis zu den weitläufigen Grünflächen und Sportarealen rund um die Schule kann das Klischee des biederen Internatlebens nicht halten.
Aber zurück zum Schulwesen: Nach dem ersten Jahrgang teilt sich die Schülerschaft in drei Schwerpunkte auf. In „Gesundheit und soziale Berufe“ erhält man eine vorbereitende Ausbildung für soziale Berufe, „ECO-Design“ bietet die berufsbereitende Basis für Floristik und Raumausstattung, und heuer erstmals dabei: „Gastromanagement“.
„Die Presse“ sah sich diese neue Klasse an, die Schüler waren gerade beim Thema: Ernährungsphysiologische Bedeutung der Getränke. Auf die Frage, warum sie gerade diesen Zweig wählte, antwortet Sarah Baumann: „Ich wusste schon als kleines Kind, dass ich kochen wollte! Dass heuer der Gastro-Schwerpunkt zustande gekommen ist, war meine größte Freude.“
Auch in anderen Schwerpunktgruppen finden sich Schülerinnen, die über die breite Auswahl froh sind. In der ECO-Gruppe, die gerade für die Schaukastengestaltung an Stoffen schnipselt, sitzt Patricia Steininger, die eigentlich Masseurin werden wollte. Aber nach dem Praktikum bei einem Künstler bemerkte sie, dass sie im kreativen Bereich ihre Zukunft sieht. Ebenso entschied sich Andrea Haidinger im ersten Jahr um: Anfangs wollte sie Krankenschwester werden, aber jetzt weiß sie, dass sie bei der Floristik am besten aufgehoben ist.
Persönlichkeitsbildung
Andere Krankenschwester-Anwärterinnen wurden im ersten Jahr aber bestätigt, dass es genau das Richtige für sie ist. Die früheren Zimmerkolleginnen Regina und Stefanie werden dieses Jahr den Abschluss in „Gesundheit und soziale Berufe“ machen und dann in der dreijährigen Krankenschwesternschule anfangen. Die Direktorin kennt die Geschichten der Mädchen sehr gut und betont: „Wir sind eine Lebensschule, wo wir versuchen, Persönlichkeiten zu bilden.“
Am Ende steht die „kleine Matura“, die eine Fachbereichsarbeit und schriftliche sowie mündliche Klausuren umfasst. Dann stehen den Jugendlichen als Facharbeiter der ländlichen Hauswirtschaft verschiedenste Möglichkeiten offen: zum Betriebsdienstleister fehlt nur mehr eine Prüfung, für Berufe des gewählten Schwerpunktes können sie um die Lehrabschlussprüfung ansuchen und für die Übernahme einer Landwirtschaft ist ebenso der Grundstein gelegt.
112 FACHSCHULEN
Allein in Oberösterreich gibt es 19 Landwirtschaftliche Berufs- und Fachschulen, österreichweit 112. Fachrichtungen der Schulen, die dem Landwirtschaftsressort unterstehen, sind: Ländliche Hauswirtschaft, Landwirtschaft, Gartenbau und Pferdewirtschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)