Nachruf. Norman Mailer war der eigenwilligste unter den Großen der gegenwärtigen US-Literatur. Sein bestes Werk ist der stilbildende Roman „The Naked and the Dead“.
Der Herbst 2007 wird für die Literatur als jener in Erinnerung bleiben, in dem die brave Doris Lessing den Nobelpreis gewonnen hat und der böse Norman Mailer gestorben ist. Beides kann man bedauern oder begrüßen. Mit 84 hat es jedenfalls den zweifachen Pulitzerpreisträger erwischt, obwohl er nach seiner Hitler-Persiflage im Frühjahr noch voller Pläne war. Auf Stöcken humpelnd, schwärmte er von der Fortsetzung des Romans, von einem großen Nazi-Zyklus. Am Samstag ist Mailer in New York verschieden, an Nierenversagen nach einer Lungenoperation. Nicht wenige werden ihm den Tod gewünscht haben. Er hat nichts ausgelassen, sagen wohl auch jene, die ihn mochten und nun anerkennend „fug“ sagen.
Und er hätte, nimmt man Lessing zum Maßstab, den Nobelpreis längst verdient. Denn so unterschiedlich die beiden schrieben, die engagierte Frau und der kurz geratene Supermacho, eines haben sie gemeinsam. Ihre besten Werke waren die frühen, denen eine außergewöhnliche Menge folgte, manche hervorragend, einige ziemlich missglückt. Beide polarisierten. In einem auch ist Mailer Frau Lessing jedenfalls überlegen; er war ein gewaltiges Schriftsteller-Tier, das sich durch Maßlosigkeit auch im richtigen Leben auszeichnete. Seine Werke aber haben Charakter, unverwechselbaren.
Messer-Attacke auf die zweite Frau
Mailer hatte neun Kinder von sechs Frauen. Die zweite stach er 1960 im Suff nach einem Streit in seinem New Yorker Appartement mit einem Taschenfeitel nieder. Sie überlebte nur knapp. Was aber ist anderes zu erwarten von einem Mann, der in einer Talk-Show fordert, dass Frauen in Käfigen gehalten werden sollten, der die hochschwangere Frau mit Fäusten traktiert? Bei einem Raufhandel mit Gore Vidal versetzte er dem Kollegen einen Kopfstoß und schlug ihm mit seiner kleinen Faust fast die Zähne ein. Der Schauspieler Ripp Torn attackierte Regisseur Mailer 1970 beim Dreh mit dem Hammer. Ein dreckiger Fight auf Leben und Tod. Mailer biss Torn Teile eines Ohres ab. Das relativiert die nun von manchen nachgerufene Einschätzung, er sei eigentlich sensibel, die Härte wäre nur Show gewesen.
Er suchte besessen die Konfrontation. Alles nur ein Scherz? Der Mann war ein Skandal. Aber wen wundert das? Mit 25 hatte er den größten Erfolg bereits hinter sich. Das stilbildende Buch. The Great American Novel. Norman Kingsley Mailer, das jüdische Einwandererkind, aus Brooklyn, das Harvard mit Auszeichnung abschloss, 1944/45 als Soldat an einigen Scharmützeln im Pazifik teilnahm, verarbeitete seine Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges in einem ungeheuren Roman: „The Naked and the Dead“.
Der Welt-Bestseller mit 25
Das Buch führte 19 Wochen in der Bestseller-Liste der New York Times und wurde 1958 höchst erfolgreich verfilmt – ein brutales, schockierendes, echtes Buch. Es zeigt eine polarisierte Gesellschaft; General Cummings ist die amerikanische Version eines Faschisten, sein Gegenspieler Leutnant Hearn ein Liberaler. „Die Nackten und die Toten“ wurde jedenfalls ein Monument, dauerhafter als die private Kacke, durch die der schwere Trinker und ewige Streithansl Mailer herabgezogen wurde.
An diesen Erfolg konnte er – der neben Romanen Reportagen, Short Stories, Essays, Drehbücher, Dramen, politische Polemiken, Biografien schrieb – lange nicht anschließen. Doch mit „The Armies of the Night“ (1968), in dem er seinen Protest gegen den Vietnam-Krieg verarbeitete, und „The Executioner's Song“ (1979), das präzise einen zum Tode Verurteilten zur Hinrichtung begleitet, gewann er Pulitzer-Preise.
Danach wurde es sehr durchmischt, wie das auch dem Stilprinzip des Autors entspricht. Mailer, der schreibende „Hipster“ seiner Zeit, beherrscht die Sprache der Gosse, ihm gelingen jedoch auch höchst poetische Bilder. Nichts Menschliches ist ihm fremd, kein Kitsch ist ihm peinlich. In der politischen Analyse seiner Essays ist er scharfsinnig, selbst wenn er dabei gelegentlich den Clown hervorkehrt. In der Kunst der Reportage bleibt der Mitbegründer der Village Voice eine Klasse für sich. Man nehme nur „The Fight“ zur Hand, in dem er 1975 den Boxkampf Ali gegen Foreman schildert.
Literaturkritiker wie Harold Bloom zählen Mailer nicht zu den ganz Großen der US-Literatur. Das mag, mit Verlaub, ein zu frühes Urteil sein, denn dieser Poltergeist ist unverwechselbar. Mailer ist aber sicher der beste Journalist, den man sich vorstellen kann. Mit zunehmendem Alter ließ jedoch die Kraft nach. „Harlot's Ghost“(1991) ist ein übergewichtiges CIA-Epos, an dem man, im Vergleich mit der Dutzendware heutiger Buben, trotzdem Gefallen finden kann. 2003 war US-Präsident Bush Ziel von Mailers verbalen Attacken. „Why Are We At War“ (2003) ist eine schlagkräftige essayistische Abrechnung mit den Republikanern. Und in „The Castle in the Forest“ (2007) einem schrillen Text über Hitlers Herkunft gelingt es Mailer, den ganzen kleinbürgerlichen Mief von Braunau bis ins Waldviertel zu treffen.
Die Arbeiten über John F. Kennedy, die Lebensgeschichten von dessen Mörder Lee Harvey Oswald, Marilyn Monroe und Pablo Picasso werden hoffentlich noch viele Leser finden. So war Amerika.
Doch es sind nicht die brillanten journalistischen Werke, die letztendlich an Mailer erinnern werden. Das Buch, das bleibt, das fast von Ernest Hemingway stammen könnte, beginnt mit dem lakonischen Satz: „Nobody could sleep.“ Stellt euch vor, es ist Krieg. Bald bist du tot. Der Alptraum lässt einen nicht mehr los.
WERKE IN AUSWAHL
Mehr als 40 Bücher und hunderte Essays hat Mailer geschrieben. Weitere Werke neben oben genannten: „Reklame für mich selber“ (1956), „Am Beispiel einer Bärenjagd“ (1970), „Gefangen im Sexus“ (1972) „Harte Männer tanzen nicht“ (1984), „Masken des Todes und andere Stories“ (84), „Das Jesus-Evangelium“ (98), „Über Gott“ (2007), „Das Schloss im Wald“ (07).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)