Grenztruppe will türkische Armee bei begrenzter Aktion gewähren lassen.
"Bis da vorne bei diesem Dorf haben türkische Geschosse eingeschlagen. Das war vor 15 Tagen." Ali Mustafa deutet auf die Häuser in etwa vier Kilometern Entfernung. Enshky heißt die Siedlung, die sich am Fuße der steil aufragenden Berge an einen kleinen Hügel schmiegt. Einst hätte dort für Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein ein Palast gebaut werden sollen. Errichtet wurde aber nur eine lange Mauer, die das Dorf hangabwärts begrenzt.
Vom Dach seines Hauses hat Ali Mustafa eine hervorragende Aussicht. Lässt er seinen Blick von Enshky weiter nach links wandern, sieht er ein Elektrizitätswerk und gleich darüber ein breites Hochplateau. Dort liegt Bamerny, eines von einer Reihe türkischer Militärlager auf irakischem Territorium. Die Camps sind die Hinterlassenschaft mehrerer türkischer Invasionen im Nordirak in den vergangenen 15 Jahren.
Ziel war stets, die türkisch-kurdische Untergrundorganisation PKK zu zerschlagen. Geglückt ist das bisher jedoch nicht. Nun könnten es die türkischen Streitkräfte erneut versuchen. 100.000 Mann stehen entlang der Grenze bereit. Ob sie den Marschbefehl erhalten, ist aber weiter unklar.
Die türkischen Operationen der Vergangenheit haben sich bei Ali Mustafa ins Gedächtnis eingebrannt – so wie bei den anderen Einwohnern des nordirakischen Städtchens Sarsang, etwa 25 Kilometer von der Grenze entfernt.
Reporter unerwünscht
„Als die türkischen Truppen vor einem Monat mit ihrem Aufmarsch begannen, bekamen die Leute hier große Angst. Sie rechneten jede Minute mit einer türkischen Invasion.“ Zudem seien vor zwei Wochen pausenlos Granaten in den Feldern rund um die Grenzdörfer niedergegangen, in den letzten Tagen habe der Beschuss aber nachgelassen. „Verletzt wurde in den Grenzdörfern bisher niemand, doch viele Menschen sind geflüchtet.“
In einigen Orten habe sich aber das Leben wieder normalisiert. Die Gefahr ist aber keineswegs gebannt. Irakischen Agenturen zufolge griff die türkische Luftwaffe in der Nacht auf Dienstag erneut Grenzdörfer an. „Zwei türkische Flugzeuge sind am Montag bei Sachu in den irakischen Luftraum eingedrungen. Aber sie haben nichts bombardiert“, sagt dazu Fuad Hussein von der kurdischen Regionalregierung.
Das unmittelbare Grenzgebiet wurde jedenfalls vor einigen Tagen für ausländische Journalisten gesperrt. „Vor einer Woche hätte ich Reporter noch direkt bis zu unseren Soldaten an der Grenze bringen können. Aber jetzt darf ich das leider nicht mehr“, sagt Oberst Amid Fahradin, Kommandant der irakischen Grenztruppen im Nordirak. Der Kurde ist dem Innenministerium in Bagdad unterstellt.
„Türken müssen sich beeilen“
Auf einer Wandkarte zeigt er den Verlauf der Berge, die sich wie eine Kette von der iranisch-irakischen Grenze nach Nordwesten bis an das äußerte Ende der türkisch-irakischen Grenze ziehen. „Die PKK hält sich hier im Gebirge verschanzt. Wir haben keine Kontrolle darüber, was sie dort oben tun.“ Die Präsenz der PKK habe der irakischen Kurdenregion große Probleme gebracht, meint Fahradin. „Auch wir wollen sie hier nicht haben.“ Dass die Türkei das Problem militärisch lösen kann, glaubt der Oberst nicht. „Es wird nicht möglich sein, alle PKK-Kämpfer aus dem Gebirge zu vertreiben. Früher oder später muss Ankara mit ihnen verhandeln.“
Und wenn die Türken doch eine Großoffensive starten? Würden seine Grenztruppen dann schießen? Sollte die türkische Armee nur in den Bergen Operationen gegen die PKK durchführen, würden sich die irakischen Grenztruppen nicht einmischen, sagt der Oberst. „Wenn die Türken aber in unserem Land einmarschieren und versuchen, die kurdische Regionalregierung zu zerstören, dann müssen wir kämpfen.“
In Ali Mustafas Heimatort Sarsang versucht man, den Dingen ihren gewohnten Lauf zu lassen. Aus einem kleinen Restaurant dringt der Geruch von frisch gegrilltem Fleisch. An den Tischen sitzen alte Männer und trinken Tee. „Spüren Sie den kalten Wind“, fragt einer. „Bald wird der erste Schnee fallen. Wenn die Türken über die Berge kommen wollen, müssen sie sich beeilen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2007)