Schüler-Gewalt: Nicht öfter, nur intensiver

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Spektakuläre Fälle dominieren die Diskussion, durch Zahlen lässt sich eine Zunahme von Gewalttaten nicht belegen.

WIEN. Sind Österreichs Schulen Horte der Gewalt? Oder werden nur spektakuläre Einzelfälle genützt, um ein Bild des Schreckens zu zeichnen? Nach dem Amoklauf im finnischen Tuusula, bei dem ein Schüler acht Menschen tötete, ist die öffentliche Debatte über gewalttätige Schüler neu aufgeflammt. Zusätzliches Öl ins Feuer war der Fall Wasagasse (s. unten), bei dem Eltern in einer medienwirksamen Aktion einen Schüler als „potenziellen Amokläufer“ bezeichneten.

Zwischen der im Zuge solcher Debatten oft ungeprüften Behauptung, dass die Gewalt an Schulen immer stärker zunimmt, und der wissenschaftlichen Einschätzung klafft allerdings eine Lücke. So weisen Experten des Unterrichtsministeriums in einer Broschüre zur Gewaltprävention darauf hin, dass nur bei einer Minderheit von Schulen Aggression und Gewalt ein größeres Ausmaß angenommen haben.

Keine Daten vorhanden

Tatsächlich fehlen für eine seriöse Analyse über das Gewaltpotenzial an Schulen aber schlicht die notwendigen Daten. So klagt etwa Bildungspsychologin Christiane Spiel, dass es für Österreich keine repräsentativen Studien über einen längeren Zeitraum gebe, auch sei ein Vergleich zwischen den Studienergebnissen aus methodischen Gründen oft nicht möglich.

Häufig scheitert es dabei schon an der Definition: „Es gibt de facto keine Untersuchung, was genau unter Gewalt verstanden wird“, sagt Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung im Wiener Stadtschulrat. Je nachdem, wie der Begriff in einer Studie definiert wird, könne man ein Steigen oder Sinken der Gewalt herauslesen.

Immerhin, aus den Erfahrungen der Wiener Schulpsychologie kann sie einige Trends nennen. „Wenn es heute zu Gewalt kommt, verläuft sie grenzenloser“, erzählt sie. Noch vor 20 Jahren wurde eine Rauferei beendet, wenn einer der Beteiligten unterlegen war – und dies etwa durch „Abklopfen“ auf den Boden zeigte. Heute werde auch auf Liegende eingeschlagen.

Es ist nicht nur friedlich

Dennoch kann sie nicht bestätigen, dass es in den letzten fünf bis sieben Jahren eine zahlenmäßige Zunahme der Gewalt gegeben habe. „Die Diskussion darüber“, so Zeman, „wird aber nur an den spektakulären Einzelfällen aufgehängt.“ Und auch die zunehmende Sensibilisierung trägt dazu bei, dass Fälle von Gewalt überhaupt als solche wahrgenommen und nach außen getragen werden.

Dass es in Österreichs Schulen nicht nur friedlich zugeht, zeigt eine WHO-Studie. Demnach wurden 41,5 Prozent der Schüler schon Opfer von Bullying-Attacken – dazu zählen körperliche Gewalt, verbaler Druck aber auch Einschüchterung und Erpressung. Im Internationalen Vergleich liegt Österreich auf Rang 4 von 29 Ländern. Eine Konsequenz daraus: Noch im November wird das Unterrichtsministerium eine von Bildungspsychologin Spiel ausgearbeitete Gesamtstrategie gegen Gewalt an Schulen präsentieren.

DIE SCHWERSTEN FÄLLE: Bluttaten an Schulen

1997: In Zöbern (NÖ) erschoss ein 15-Jähriger eine Lehrerin.

2004: Ein 13-Jähriger verletzte in Wies (Stmk) eine Mitschülerin bei einer Messerattacke schwer.

2005: Ein 15-Jähriger erstach in einer Polytechnischen Schule in Wien einen 14-jährigen Mitschüler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2007)

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