Die alten Punschhütten sollen alpiner Kitsch sein? Das stört doch keinen großen Geist!
Nun wollen wieder einmal manche die Schulnoten abschaffen, und es ist völlig legitim, das zu überlegen, man soll sich nur nicht zu viel davon erwarten. Urteile, die der Gnade und Güte entbehren, werden nicht milder, wenn sie wortreich formuliert sind; und gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit kommt man, wenn überhaupt, durch Umverteilung und Förderung an, nicht durch höflichere Beschreibung.
Was wird der Sprache verloren gehen? Zunächst ein Unterschied zwischen österreichischem und deutschem Deutsch: Bei uns heißt die Note eins „der Einser“ (wie dieser, also aufrecht, kann im Volksmund auch etwas stehen) und nicht „die Eins“, so wie man bei uns die Straßenbahnlinie 43 den „Dreiundvierziger“ ruft, nicht „die Dreiundvierzig“.
Ansonsten war/ist das sprachliche „Volksvermögen“, wie Peter Rühmkorf es nannte, im Bereich der positiven Noten erstaunlich wenig aktiv, was vielleicht daran liegen mag, dass der Gelobte das Lob nicht so gern bespöttelt wie der Getadelte den Tadel. Mir ist gerade bekannt, dass zwanghaft originelle Lehrer den Vierer als „Sessel“ bezeichnen; die Anekdoten über Pädagogen, die Schularbeiten in Freudscher Fehlleistung mit „Befriedigung“ statt mit „Befriedigend“ unterschreiben, will ich doch den überhitzten Gemütern von Seelendoktoren h.c. zuschreiben.
Ein paar Worte, wenn auch meist schon abgenützt und kraftlos, kennt man fürs Nicht genügend, z.B. „Fleck“ oder „Fetzen“. Max Brod berichtete in seinem rührenden Roman „Beinahe ein Vorzugsschüler“, dass vor hundert Jahren in Prag die Fünfer, „wohl auf Grund einer längst verschollenen Schulordnung“, skurrilerweise auch „Zweier“ genannt wurden, das sollten die Kulturwissenschaftler einmal erforschen! Das Sehr gut hieß damals übrigens offiziell „vorzüglich“, das Gut „lobenswert“.
Fast auch schon antiquiert ist der „Pinsch“, an dem die Etymologie das Reizvollste ist: Er kommt vermutlich, wie „fünf“ oder „pente“, vom gleichen indogermanischen Stamm wie der Punsch, der sich vom Hindi-Wort „pantsch“ für fünf ableitet (weil er fünf Ingredienzien enthalten soll).
In weihnachtlichem Umfeld, wenn auch in mir unverständlichem Zusammenhang kommt der Punsch schon in James Joyces „Finnegans Wake“ vor (Buch vier: „Noel's Bar and Julepunsch“); in Wien sind die alten Punschhütten derzeit umstritten, weil Urbanitätsadoranten ihnen „Alpinlook“ oder Kitsch attestieren.
Dabei spricht doch genau das für sie! Der alpine Kitsch ist erstens dem Zweckmäßigkeitskitsch der neuen Wiener Punschhütten-Modelle bei weitem vorzuziehen, zweitens zählt er (neben Studentenheim-Festen und vielleicht Teilen der Bundesregierung) zu den wenigen Kräften, die Wien und die westlichen Bundesländer zusammenhalten. Zieht es doch just die urbansten Typen im Winter westwärts, in hölzerne Gaststätten mit schwacher Beleuchtung und niedriger Decke, an der sie sich, wenn sie sich vom Mahl (ein Gericht mit streng riechendem geschmolzenem Käse) erheben, kräftig den Kopf anhauen.
Worauf sie, wenn sie die vorbildliche Gelassenheit des Karlsson vom Dach haben, den Satz sagen, der auch schon vielen Schülern das Einstecken eines Nicht genügend erleichtert hat: „Das stört doch keinen großen Geist.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2007)