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Vergesst Pisa!

Auf die Inszenierung eines Aufschreis ohne Konsequenzen kann man verzichten.

Eine zweieinhalb Meter lange Leiter, die an einer senkrechten Wand lehnte, rutscht eineinhalb Meter nach vor. Wie weit gleitet sie dabei herab?“ Beispiele wie dieses testen nicht Begabung oder Begeisterung für Bildung, sondern allein die Aneignung von Kompetenzen, die man von 15-Jährigen erwarten darf. Seit ältester Zeit wurden solche Aufgaben gestellt, die oben genannte schon im alten Babylon. Das Testen à la Pisa ist nicht originell, sondern ein alter Hut.

Nur zwei Aspekte zeichnen Pisa aus. Erstens der Anspruch des Globalen: Die Testserie erstreckt sich weltweit über alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs, über kulturelle Differenzen und Unterschiede in Schulsystemen hinweg. Wie Erich Witzmann letzten Montag in der „Presse“ brillant belegte, versagt Pisa vor diesem selbst erhobenen Anspruch. Zweitens die Anonymität: Nicht die oder der Einzelne finden Beachtung, sondern riesige Kohorten werden geprüft, nicht um Verbesserungen in den Leistungen der Auszubildenden geht es, sondern um die Benotung von Schulsystemen. Was insbesondere in Deutschland und Österreich auf fruchtbaren Boden fällt, wo schon Wochen vor dem pompösen Verkünden der Resultate die mehr oder weniger selbst ernannten Schulexperten im Wohlgefühl ihrer politischen Bedeutung Tiraden vorbereiten, die sie am 4. Dezember endlich vom Stapel lassen können.

Vor drei Jahren tönte es, der Pisa-Zirkus sei nützlich, um Verbesserungen im Unterricht durchführen zu können. Doch geschehen ist wenig. Auch jetzt wird aller Voraussicht nach Pisa einen Aufschrei ohne Konsequenzen verursachen. Darum sollte Österreich auf sein Mitwirken beim Pisa-Trubel, zumindest die nächsten paar Male, getrost verzichten.

Was nicht bedeutet, dass alles so bleiben soll, wie es ist – im Gegenteil. Es ist sehr vernünftig, mit zentralen Prüfungen den Erwerb der in der Grundschule oder in den ersten vier Klassen der weiterführenden Schulen gelehrten Kompetenzen zu bestätigen. Dass die Lehrkraft nicht zugleich die Prüfungsfragen konzipiert, ist hier sehr sinnvoll. Doch dafür braucht keine Schule auf die Verordnungen der Behörden zu warten. Warum wird nicht ab sofort vom engagierten Lehrerinnen- und Lehrerkollegium einer einzelnen Schule in Eigeninitiative beschlossen: An je einem Stichtag werden die Abschlussklassen in je einem der Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch (und auch anderen) einheitlich getestet? Wobei alle Fragen danach veröffentlicht werden, damit die Eltern und auch viele andere wissen, um welche Anforderungen sich diese Schule bemüht. Wobei auch alle Probanden ihre Ergebnisse erhalten, um sich selbst einschätzen zu können.

Das Allerwichtigste: Mit Bildung hat das Testen nur wenig zu tun. Kinder zu bilden, bleibt, abseits aller lobenswerten Bemühungen um bessere Prüfmethoden, zentrales Anliegen der Schule und wird von den meisten unserer Lehrkräfte, allen Unkenrufen zum Trotz, sehr ernst genommen.

Für den guten Unterricht braucht niemand auf Pisa zu warten.

P.S.: Die Lösung der obigen Aufgabe sei noch verraten: Einen halben Meter rutscht die Leiter von oben herab.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2007)