Die Totengräber der Solidarität

Die Senioren-Chefs von SPÖ und ÖVP bedienen sich und die Ihren erneut bei den Renten. Schäbiger geht's nicht.

Post-Chef Anton Wais sollte unlängst im staatlichen Rundfunk erklären, warum seinem Betrieb beim Paketversand die Kundschaft abhanden kam. Die Antwort wäre: Weil Menschen, die auf Lieferung von Ware warten, nicht einen gelben Zettel im Postkasten vorfinden wollen, der ihnen Bescheid gibt, zu welchen Amtsstunden man wegen der Entgegennahme des Pakets vorsprechen darf.

Wais schien dies nicht zu interessieren. Er blühte hingegen auf, als er seine Lösung des Problems präsentierte: Mitarbeiter abbauen, hunderte. Fünfzig Jahre alt sollten sie schon sein (wenn es solch ungewöhnlichen Überstand bei der Post überhaupt noch gibt). Und wer kümmert sich um die Konsequenzen? Der Betrieb? Die Regierung? Falsch. Vor allem jene verfolgte Minderheit, die kräftig Steuern zahlt, kommt für diese Frührentner auf, die auch noch 45 Monatsgehälter Abfindung erhalten.

An den rasch vergreisten Postler, der nicht bereit war, ein Paket zur Zufriedenheit der Kunden abzugeben, sollte man denken, wenn man versucht, die derzeitige Pensionsdebatte nachzuvollziehen. Diese Person gehört jetzt zur mächtigsten Lobby des Landes, vor der alle Politiker zittern.

Zwei Millionen Rentner hat dieses Land, und sie sind hoffentlich noch viele Jahre rüstig. Für sie haben die Senioren-Obmänner Karl Blecha (SPÖ) und Andreas Khol (ÖVP) eben wieder einen netten Bonus herausgeschunden. Tenor: Wer wird denn so schäbig sein, den armen Alten die paar Euro Mehrwert nicht zu gönnen?

Mit Verlaub: Die Schäbigkeit liegt voll und ganz bei Proporz-Politikern der alten Schule, denn langfristig gesehen werden sich Phänotypen wie Khol oder Blecha als Totengräber der Solidarität erweisen. Sie betreiben ein arges Pyramidenspiel. Wissentlich wird die Generation der heute Dreißigjährigen um ihre materielle Zukunft betrogen.

Das Verhalten der Altpolitiker mag aus machiavellistischer Sicht verständlich sein. Sie sind Interessensvertreter, und was kümmert solche die Not der Enkel? Aber dass Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) und sein Kassenwart Wilhelm Molterer (ÖVP) wieder einmal in Hochform kommen, wenn es darum geht, Geld auszugeben, das man noch gar nicht verdient hat, ist der Gipfel des Opportunismus.

Die große Koalition ist angetreten, um drängende Probleme zu lösen. Und was macht sie? Klientelpolitik; auf der einen Seite bedient sie fesche Hütchenspieler der Hochfinanz oder Abfertigungsprinzen in staatsnahen Betrieben, auf der anderen Seite gibt es Kuchenkrümel statt Beschäftigung für immer mehr Menschen, die in der Mitte ihres Lebens freigestellt werden. Willkommen im Klassenkampf, Herr Gusenbauer! Grüß Gott, Herr Molterer! Dieses Land wird wegen Ihrer Scheu, mittelfristig zu rechnen, zweigeteilt.

Sie stellen nämlich die Pyramide auf den Kopf; die breite Schicht der Pensionisten oben, die immer schmäler werdende Spitze der jungen Systemerhalter unten, die mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs nur die Zukunft der Vorgängergeneration finanziert, während ihre eigene trostlos bleibt. Das ist beschränkt christlich, beschränkt sozialdemokratisch, vor allem aber beschränkt.

Meist kommt nun von erfahrener Seite die Moralkeule: Immerhin hätten die Pensionisten das Land aufgebaut, heißt es dann oft. (Kurzer Exkurs: Die in den Zwanzigerjahren Geborenen sind heute fast alle über 80 oder tot.) Scharenweise in Rente sind zuletzt aber die 68er gegangen. Diese Generation mit der Gnade der späten Geburt genießt auch ungeniert den Vorteil der frühen Pension. Und lässt Kinder und Enkel fragen, was denn das für ein Fremdwort sei: Chancengleichheit.

Man rechne die „läppischen“ paar Euro, von denen Khol und Blecha reden, einfach zusammen: Zusätzlich 100 Mio. Euro Apanage machen in dreißig Jahren, wenn der heute fünfzigjährige Pensionist ans Ende seines Lebens gekommen ist, drei Milliarden Euro. In 30 Jahren stehen dem heute Dreißigjährigen noch mindestens zehn Arbeitsjahre bevor, eher er sich dann für zehn Jahre bis zu seinem wahrscheinlichen Ableben mit wesentlich geringerer Pension begnügen muss. Die weiteren läppischen Sprünge, die garantiert vor jeder künftigen Wahl kommen, werden weitere „vernachlässigbare“ Milliarden ausmachen.

Wer jetzt zu viel ausgibt, wird in dreißig Jahren dutzendfach ungerecht gewesen sein. Und erzieht künftige Generationen, die in Vater Staat nur einen korrupten Ausbeuter sehen werden.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2007)

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