Mit einem Festtag erinnert Venedig an seine entscheidende Seeschlacht gegen die Osmanen 1571. In Wien hingegen behielt man 300 Jahre den Kopf von Kara Mustafa Pascha, der die Stadt 1683 erfolglos belagerte.
Kara Mustafa Pascha musste lange dafür büßen, dass er 1683 mit seinen osmanischen Truppen Wien belagert hatte. Erst bekam er vom Sultan wegen des erfolglosen Feldzuges beim Rückzug in Belgrad die seidene Schnur. Dann fiel der abgeschlagene Kopf des Großwesirs in die Hände der Sieger und wurde drei Jahrhunderte lang wie eine Trophäe behandelt. Noch 1976 wurde er bei einer Ausstellung in Bayern gezeigt. Angeblich war er echt, sagen Experten. Zuletzt lagerte er in einem Kästchen in einem Depot des Wien Museums Karlsplatz. Dessen pietätvolle derzeitige Leitung hat den sterblichen Überrest im Frühjahr 2006 auf dem Zentralfriedhof anonym bestatten lassen.
Warum wurde diese Leichenschändung so lange toleriert? Aus Tradition? Aus Rache? Man weiß, dass während der monatelangen Belagerung der Hauptstadt des Habsburgerreiches das Köpfen zur psychologischen Kriegsführung gehörte, von beiden Seiten wurden die Schädel auf Spießen weithin sichtbar präsentiert. Doch das ist eine unzulängliche Erklärung. Vielleicht lag es daran, dass die Türkengefahr in Europa seit dem Verfall des Oströmischen Reiches, der vor tausend Jahren begann, die Gemüter Jahrhunderte lang beschäftigte. Von solch einem Feindbild trennt man sich ungern.
Eine Niederlage, wie ein Sieg gefeiert
Entsprechend heroisch werden die großen Schlachten gegen das islamische Imperium geschildert. Was war die entscheidende Konfrontation? Beinahe jeder Landstrich am Balkan, jede bedeutendere Insel im Mittelmeer rühmt sich, den wesentlichen Kampf gegen die Andersgläubigen geführt zu haben. Für die Serben ist die Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld 1389 ein heiliges Datum. Der Sultan wurde bei einem Attentat getötet, dennoch wurden die Serben bald unterworfen. Die starken Jahre der Osmanen standen noch bevor.
In Malta sieht man die erfolglose Belagerung von Valletta 1565, bei der unter der Führung des Malteserordens die türkische Flotte in die Flucht geschlagen wurde, als jene, nach welcher der Niedergang der Hohen Pforte begann. Für Venezianer und Spanier hingegen ist die Seeschlacht von Lepanto 1571 unter Oberbefehlshaber Don Juan de Austria der wichtigste Sieg. Die Heilige Liga jubelte. Venedig nutzte das Ereignis für Propaganda. Der Jahrestag der Seeschlacht wurde zu einem der wichtigsten Feiertage der Republik.
Die Katastrophe von Mohács
Für das Habsburgerreich fällt es schwer, unter den vielen Schlachten, den jahrelangen Kriegen und blitzartigen Überfällen des 16. und 17.Jahrhunderts die bedeutendste herauszufiltern. Die Belagerung von 1683 hatte einen dramatischen Verlauf, doch den Zenit ihrer Macht hatte das Osmanische Reich damals wohl schon lange überschritten. Am gefährlichsten für die Monarchie war wohl die Belagerung von 1529, als Sultan Süleyman mit einer effizienten, riesigen Armee vor Wien stand. Drei Jahre zuvor hatten die Osmanen das Heer der Ungarn bei Mohács vernichtet, der ungarische König fiel. Süleyman wollte sich nun den „Goldenen Apfel“ der Deutschen holen.
Süleyman wollte verhindern, es war vergeblich, dass Erzherzog Ferdinand Ungarns Krone erhielt und rückte mit 100.000 Mann vor Wien. Vor allem die Janitscharen – zwangsrekrutierte christliche Kinder vom Balkan, die zum Islam übertreten mussten und jahrelang zu harten Kriegern ausgebildet wurden – zählten zur Elite seiner Streitkräfte. Sie unterstanden direkt der Pforte.
Rascher Angriff, rascher Abzug
Die Spezialität der Truppe: Minenlegen bei der Belagerung. Allerdings hatte man 1529 keine schwere Artillerie mit. Als der Blitzangriff misslang, entschloss sich der Sultan zum Abzug. Er wollte keine Überdehnung riskieren und sicherte lieber die neu gewonnenen Gebiete ab. Die Türken verleibten sich große Teile Ungarns ein, Buda (Ofen) erhielt einen Pascha, ihre Macht reichte bis 80 Kilometer östlich von Wien. Die Gefahr war ständig präsent, man kämpfte zum Beispiel 1593 bis 1606 um Ungarn, ohne eine Entscheidung herbeiführen zu können.
Im Dreißigjährigen Krieg lernten die Kaiserlichen an Taktik dazu. 1664 besiegte ein Heer unter Raimondo Montecuccoli, dem Initiator der Heeresreformen, eine osmanische Übermacht. Der wieder unter dem Einfluss der Habsburger stehende Teil Ungarns wurde rekatholisiert.
Und dann standen die türkischen Heerscharen 1683 ein letztes Mal in voller Macht vor Wien. Diesmal wurde es eine längere Belagerung. Der ehrgeizige Kara Mustafa träumte davon, persönlich über ein großes mitteleuropäisches Reich zu herrschen, er ignorierte Ratschläge, sich mit der Eroberung der Habsburger-Hauptstadt noch ein Jahr Zeit zu lassen. Die leichte Reiterei von Tataren und Kuruzzen stieß plündernd über die Grenze vor, Kaiser Leopold und sein Hofstaat setzten sich donauaufwärts in den Westen ab, die Verteidigung der Stadt blieb Graf Starhemberg mit 10.000Soldaten und einer Bürgerwehr von 16.000Mann überlassen. Mitte Juli standen die Türken vor Wien. Erst zwei Monate später, als die Stadt kurz vor der Aufgabe stand, als die Löbl-Bastei gesprengt worden war und beinahe gestürmt wurde, rückte das Entsatzheer der Polen, Deutschen und Kaiserlichen heran. Am 12.September entschieden diese Truppen die letzte große Schlacht für sich. Der Rest ist Geschichte, sind Legenden, vom Kipferl-Halbmond und vom Kaffee als Kriegsbeute, den bleibenden kulturellen Errungenschaften der Belagerung, man pries die Unbeugsamkeit der echten Wiener und den Glanz des kampferprobten polnischen Königs Jan Sobieski.
Ein neuer Gegner im Norden
Es folgte bis 1699 der letzte große Türkenkrieg, mit Prinz Eugen als strahlendem Helden, der die Vertreibung der Osmanen aus Europa einleitete. Die Hohe Pforte hatte nun auch mit einem mächtigen neuen Gegner im Norden zu rechnen, dem russischen Zarenreich. Die Gebiete der Habsburger reichten bis Siebenbürgen, Russland war bereits zum Schwarzen Meer gedrängt und wollte auch den freien Zugang zum Mittelmeer erzwingen. In Wien wurde das Türkische Mode und fand Eingang in die Kunst. Noch bei Mozart sollten im Serail die Köpfe rollen, wäre da nicht ein aufgeklärter, um Frieden bemühter Bassa Selim.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2007)