Die Sportfreunde Stiller, die bei der WM 2006 für die Hintergrundmusik des „Sommer- märchens“ sorgten, erzählen der „Presse“, wie man einen EM-Hit erfinden könnte und wie anstrengend die EM noch werden wird.
Gestern ist es spät geworden. Sehr spät. Bis halb sieben Uhr früh haben die Sportfreunde Stiller mit ihrer Crew in Wien gefeiert. Sänger Peter Brugger hat nämlich Geburtstag gehabt, den 35. Wien ist bereits eine der letzten Stationen auf der Tour der drei Musiker aus Oberbayern, die im Sommer 2006 mit ihrer inoffiziellen WM-Hymne „54, 74, 90, 2006“ im zehnten Jahr ihres Bestehens den ersten Nummer Eins-Hit landeten. „Die Presse“ hat im Backstage-Bereich des Wiener Gasometers mit Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof gesprochen:
Die Presse: Ihr wollt mit dem neuen Album „La Bum“ weg vom Fußball? Warum habt Ihr plötzlich genug von jenem Sport, der Euch so viel Erfolg gebracht hat?
Rüdiger Linhof: Bei Peter und Flo (Florian Weber, Anm.) herrscht natürlich nach wie vor ungebrochene Freude dem Fußball gegenüber. Es ist auch überhaupt nicht so, dass wir uns gänzlich davon distanzieren wollen. Es ist eher so, dass wir ganz normale Lieder geschrieben haben – und wir waren jetzt erstmal durch mit dem Thema und das ist auch ganz gut so. Und kommt mir sehr entgegen.
Mit dem neuen Album wird sich aber kaum derselbe Erfolg einstellen wie mit dem Fußball-Album.
Linhof: Nein, das geht auf keinen Fall so weiter wie bei der WM und das kann es auch nicht. Weil dieser Hit hatte einfach ein paar Komponenten, die man nicht wiederherstellen kann. Zum Beispiel, dass die WM nur einmal in unserem Leben in unserem Land stattfindet. Wir haben auch gar nicht den Anspruch, den Erfolg künstlich hoch zu halten. Uns ist es wichtig, dass die Leute auf die Konzerte gehen und die Platte gut finden.
Könnt Ihr das Lied „54, 74, 90, 2006“ überhaupt noch hören?
Linhof:Naja, zur Zeit spielen wir es nicht. Aber wenn es die Leute unbedingt hören wollen, dann spielen wir es natürlich gerne.
Es heißt immer wieder, Ihr macht nur Gute-Laune-Musik mit hohem Mit-Sing-Faktor, die vor Anti-Intellektualität strotzt. Wie begegnet Ihr dieser Kritik?
Linhof: Das sagen ja nicht unsere Fans oder die Menschen, die auf unsere Konzerte gehen. Die sind da ja – hoffentlich – anderer Meinung. Wir sind keineswegs unreflektierte Vollidioten, die irgendwie durch ihr Leben durchtorkeln, sondern, wir machen uns sehr wohl Gedanken. Ich finde, es ist kein Fehler, den Menschen erstmal eine gute Zeit zu bereiten und eine Energie und Freude mitzugeben, die ihnen dabei hilft ihr Leben in einer schönen Weise zu leben. Uns geht's in erster Linie eben darum und nicht darum, einen intellektuellen Schein herzustellen. Das ist halt einfach unsere Art, Lieder zu schreiben. Ich habe auch nicht den Anspruch, irgendwelchen Intellektualitäts-Begriffen im klassischen Sinn gerecht zu werden. Und grundsätzlich geht's doch nur um Musik. Macht euch locker.
Habt Ihr ein paar Tipps für österreichische Bands, wie man eine erfolgreiche EM-Hymne komponiert? Linhof: Es ist zunächst einmal wichtig, dass sich die Kreativen des Landes dazu aufrappeln, tolle Sachen und Projekte zu machen, mit denen sie sich und ihr Land vorstellen. Das wäre, glaube ich, in Österreich echt wichtig, weil man die Stimmung hier noch nicht spürt. Aber auch bei uns hat man im Herbst 2005 noch keine Euphorie gespürt und das bereitet mir ja große Hoffnung. Auch den Pessimismus der eigenen Nationalmannschaft gegenüber hatten wir tatsächlich bis sechs Wochen vor der WM. Uns kam die Idee für die Fußball-Lieder schon im Oktober 2005. Dann sind wir mit einer Lesung und den Songs durch kleine Theater in Deutschland getourt. Das Lied wurde dann irgendwie zum Selbstläufer.
Es gibt also kein Geheimrezept, nach dem Motto: Mische ein paar Zahlen in einen leicht verständlichen Refrain und wiederhole diesen möglichst oft?
Linhof: Nein. Ich rate den Bands hierzulande einfach, Lieder zu schreiben und das zu machen, wovon sie überzeugt sind. Wenn man einfach so versucht, einen EM-Hit zu konstruieren, weil man sich denkt, das wäre jetzt der Weg zum Erfolg – ich weiß nicht, ob das funktioniert.
Habt Ihr Favoriten aus Österreich, die Eurer Meinung nach einen solchen Hit landen könnten?
Linhof: Ja, ganz klar. Heinz aus Wien könnten auf jeden Fall einen EM-Hit machen und es gibt hier etliche feine Bands... Auch bei Christina Stürmer könnte ich mir gut vorstellen, dass die sich da engagiert.
Fußball in der Werbung, im Fernsehen, in der Literatur. Auf welche EM-Wahnsinnigkeiten müssen wir noch gefasst sein?
Linhof: Fußball wird omnipräsent sein, es wird euch dermaßen über die Köpfe wachsen. Häuser werden mit fußballspielenden Männern in hautengen Trikots behangen werden. Es werden riesige Fußball-Männchen über Autobahnen gespannt sein, so wie Olli Kahn in der Flugparade über der Deckendorfer Autobahn gespannt war. Es wird ein völliger Wahnsinn werden, aber ein lustiger Wahnsinn, weil das ganze so einen ungemein witzigen Trashfaktor birgt. Die Ernsthaftigkeit im Alltag wird ein bisschen aufgelöst dadurch, dass sich alle Menschen einem Spiel verschreiben, das keinem weh tut.
Welche Chancen gebt Ihr Österreich bei der EM?
Linhof: Ihr werdet definitiv ins Viertelfinale kommen und durch irgendeine feine Fügung kullert der Ball in der 88. Minute ins Tor und ihr steht im Halbfinale – und dann ist alles offen. Deshalb: Freut euch auf dieses Ereignis.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2007)