Die Schule wird dem Bewegungsdrang der Schüler nicht gerecht. Mehr Turnstunden scheinen nicht finanzierbar, mehr Sport aber machbar.
WIEN. Der Spaß ist sichtbar und spürbar. Mit voller Konzentration und mit vollem Einsatz sind die Schüler dabei, wenn Vereine in den Schulen ihre Sportart präsentieren. Mehr als 1000 Vereine haben in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen der spark7- Slam-Tour 300.000 Schüler in 250 Schulen erreicht: Und die von Sportstaatssekretariat und den Sport-Dachverbänden unterstützte Aktion hat keine Sportart ausgelassen. Von Rodeln über Ringen bis zum Bogenschießen hatten die Kids Spaß am Ausprobieren.
Der Bewegungsdrang sei kein Wunder, sagt Sonja Spendelhofer, Fachinspektorin für Bewegungserziehung und Sport vom Stadtschulrat Wien. Sätze wie „sitz ruhig“ oder „klettere da nicht hinauf“ seien wie die Höchststrafe für Kinder – auch wenn sie sich manchmal nicht verhindern ließen.
Schüler wollen mehr Sport
Doch nur zehn Wochenstunden Bewegung und Sport sieht die Stundentafel für die vier Volksschuljahre vor. „Die Schüler, besonders die jüngern, bewegen sich gern“, sagt die Spendelhofer, es wäre wichtig, könnten sie sich „zu mindest einmal in der Woche richtig auspowern“. Optimal wäre freilich die tägliche Bewegungseinheit.
Unwesentlich mehr, nämlich zwölf bis 18 Turnstunden, sind in der Hauptschule vorgesehen, 14 in der AHS-Unterstufe und in Oberstufen müssen in Summe mindestens acht Einheiten für diesen Gegenstand freigehalten werden. In den Berufsschulen hingegen ist keine verpflichtende Bewegungseinheit vorgesehen: Die Folgen sind dramatisch, wie ein Fessel-GfK-Studie jüngst zeigte. Rund 40 Prozent der Lehrabsolventen bis 24 Jahre betreiben höchstens zwei- mal pro Monat Sport. Bei den AHS-Absolventen derselben Altersgruppe ist jeder Fünfte ein Sportmuffel. Allerdings sei die Verteilung der Bewegungs-Einheiten in den Oberstufen auf die einzelnen Schulstufen höchst ungleich, sagt Spendelhofer: In Maturaklassen ist vielfach keine Turnstunde vorgesehen.
Die Studie ergab auch, dass 57 Prozent der Zwölf- bis 24-Jährigen das aktuelle Ausmaß des Turnunterrichts für nicht ausreichend halten. Das Interesse ist da, die Mittel, den Unterricht zu finanzieren, aber nicht. Spendelhofer ist überzeugt, dass der Schulalltag jedenfalls „bewegter“ gestaltet werden könnte und so fehlende Bewegungseinheiten kompensiert werden könnten.
Bewegungsangebot in der Pause
So könnte etwa die Pause für kleine Bewegungsangebote genützt werden: „Je nach Witterung die Pause im Schulhof zu verbringen, Bälle oder eine Möglichkeit zum Balancieren zur Verfügung zu stellen“, spricht sie an. Das sei nicht aufwendig, für die Pausenaufsicht schiebenden Lehrer überschaubar und gebe den Schülern die Chance, sich geistig zu erholen.
58 Prozent der Zwölf- bis 24-Jährigen geben an, mehr als einmal pro Woche Sport zu treiben, sogar 80 Prozent sind zumindest einmal wöchentlich aktiv. Was nach reger Aktivität klingt, überzeugt Spendelhofer nicht, denn die Quote sollte weit höher liegen. Das eigentliche Problem aber sei, dass insgesamt jeder sechste Österreicher mit Sporteln nichts am Hut habe.
Soziale und körperliche Aspekte
Versagt hier nicht die Schule, nachhaltig für Sport zu begeistern? Studienautor Rudolf Brettschneider weist diesen Vorwurf zurück: „Die Lehrer haben zu wenig Zeit, Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Und Spendelhofer ergänzt: „Den Jugendlichen ist in vielen Fällen nicht bewusst zu machen, wie sehr ihr Körper Bewegung benötigt. Sie bemerken das erst später, wenn Schäden auftreten.“ An der Motivation und der Ausbildung der Lehrer aber mangle es nicht, meinen beide übereinstimmend.
Was aber kann der Gegenstand „Bewegung und Sport“ den Schülern bieten? „Sport ist immer mit sozialem Lernen verbunden“, sagt Spendelhofer, „und mit Integration.“ Sport sei sprachunabhängig und würde auf diese Weise Menschen verbinden. Allerdings schaffe Sport immer auch Außenseiter. Die Schüler sollen aber auch dahin geführt werden, selbst die Schiedsrichterfunktion ausüben zu können: Das erfordere Regelkundigkeit aber auch Gespür. Neben Selbsterfahrung und Spaß sieht der Lehrplan auch gesundheitliche Komponenten vor, die zu einem sensibleren Umgang mit dem eigenen Körper führen sollen.
AUF EINEN BLICK
57 Prozent der Jugendlichen halten das Ausmaß der Bewegungseinheiten für nicht ausreichend.
Zehn Wochenstunden sieht die Stundentafel für die vier Volksschuljahre vor, zwölf bis 18 für die Hauptschule, 14 für die AHS-Unterstufe und in Oberstufen müssen in Summe mindestens acht Einheiten für diesen „Bewegung und Sport“ freigehalten werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2007)