Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Lötsch: „Die Stadt ist eine Felswüste“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Interview. Warum für Bernd Lötsch Hochhäuser „Kosmopoliten der Hässlichkeit“ sind, weshalb Wohnhöfe dem Stadtklima gut tun und wieso sich Stadtplaner und Architekten gut benehmen sollen.

Die Presse: Wie beurteilen Sie die Wiener Stadtplanung?

Bernd Lötsch: Stadtplanung ist ein fragwürdiger Begriff, ähnlich wie Wirtschaftsplanung. Wir haben gesehen, wie Planung in der Wirtschaft daneben gehen kann. Eine Stadt ist ein Organismus und Stadtentwicklung ein Prozess. Man muss für die richtigen Randbedingungen sorgen.

 

Gibt es einen Bau-Boom?

Lötsch: Ich fürchte ja.

 

Derzeit sind Hochhäuser „in“. Was halten Sie davon?

Lötsch: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man Fläche am Boden spart, wenn man in die Höhe geht. Die ideale Wohnform ist in Gebäuden mit maximal fünf Stockwerken, eher drei bis vier. Bei einem zehnstöckigen Hochhaus verlangt die Bauordnung größeren Abstand zum nächsten Gebäude, wegen des Schattens – je höher, umso größer die Distanz. In einem zehnstöckigen Hochhaus können bei gleich großem Baugrundstück weniger Menschen leben als in einem dreigeschoßigen Wohnhof mit Grün für jede Etage und einem Gehsteig unter Arkaden. Und die Lebensqualität ist im Wohnhof eindeutig besser: Ebenerdig haben die Bewohner den grünen Hof, in der ersten Etage eine begrünte Terrasse und für's Obergeschoß gibt es ein grünes Dach.

 

Wie viele Leute mehr haben im Wohnhof Platz?

Lötsch: Bei gleichem Flächenverbrauch bis zu einem Fünftel.

 

Braucht Wien Hochhäuser?

Lötsch: Nein! Hochhäuser nivellieren die Qualität einer Stadt. Hochhäuser sind Energievernichtungsmaschinen, horrend teuer und einfallslos, Kosmopoliten der Hässlichkeit. Höchstens Baufirmen und Spekulanten brauchen Hochhäuser. Viele Projekte werden ja nicht deshalb realisiert, weil sie billig sind, sondern weil sie teuer sind. Als nach Hainburg '84 Kanzler Sinowatz die Ökologiekommission gründete, hat er mir gesagt: „Aber 'baut muss 'was werden. Sonst könnt' ma die Republik gleich zusperr'n.“ Günther Nenning hat ihm erwidert: „Die Republik ist keine Baufirma.“ Aber leider: Sie ist eine Baufirma.

 

Wie charakterisieren Sie Städte?

Lötsch: Generell ist die Stadt zum Extremstandort geworden. Die Stadt ist eine Felswüste.

 

Bitte konkreter!

Lötsch: Im heurigen Sommer haben wir gut beobachten können: Es gibt am Abend keine Abkühlung mehr oder nur sehr verzögert. Gegenüber dem Grüngürtel ist es in Stadtzentren manchmal um vier bis elf Grad heißer. Asphalt und Betonkörper speichern Hitze wie die Wüste, wie ein Backofen. Seit 1950 ist in Österreich mehr Kubatur hinzugebaut worden als in der 3000-jährigen Baugeschichte des Landes davor.

 

Was folgern Sie daraus?

Lötsch: Weniger Beton, mehr Grün: Es muss entsiegelt werden – so viel wie möglich. Wenn wir uns die dichter bebauten 80 Quadratkilometer von Wien anschauen, ist gerade einmal ein Fünftel dieser Fläche vom Wohnen beansprucht, der Rest für Verkehr, Wirtschaft und Gemeinflächen. Ausgerechnet bei der Wohnfläche sparen zu wollen, ist am dümmsten. Mit Ausnahme frei stehender Einfamilienhäuser ermöglichen verdichtete Grün-Wohnformen wie Atrium-, Reihen- und Hofhäuser mit mindestens zwei Geschoßen urbane Dichte. Mehr Grün könnte die permanente Halbflucht motorisierter Wochenend-Nomaden – wir nennen sie „Benzinhunnen“ – aus der Stadt einbremsen. Das sieht man bei Städtern mit Dachgarten, Wohnterrasse oder Hofgarten: Sie bleiben gern daheim.

 

Wo ist der Platz für mehr Grün?

Lötsch: Ohne Entmachtung der Autos in der Stadt geht's nicht. Sie sind mehr Steh- als Fahrzeuge. Mit allen Zu- und Abfahrten nimmt ein Stellplatz ungefähr so viel Platz ein wie die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche ausmacht: 25 Quadratmeter. Bis heute leiden wir unter den Folgen der „Reichsgaragenordnung“. Bei Neu- und Umbauten sind für drei Wohnungen zwei Autoplätze zu schaffen. Das ist der Tod der Grünhöfe. Hitler wusste, wie man mit dem „Volkswagen“ in einem totalitären Regime Freiheitsillusionen schafft. Selbst wenn sonst alle Umweltprobleme gelöst wären, bliebe das Auto trotzdem untragbar – wegen des Flächenverbrauchs. Zur Illustration: Die Altstadt von Salzburg hätte unter einem Autobahn-Kleeblatt Platz.

 

Was gefällt Ihnen in Wien?

Lötsch: Die früheren Baustile unserer Stadtbildes haben eines gemeinsam: das dekorative Element. Es galt der Grundsatz: Wer in einer Stadt baut, hat sich zu benehmen. Dekoration ist Höflichkeit gegenüber dem Betrachter. Heute nehmen die Brüche zu, immer häufiger mit zynischer Zerstörungswut. Man reibt sich an historischen Bauten statt sie zu respektieren. Ich behaupte: Das ist die Kreativität der Unschöpferischen. Darunter leidet die Grandezza des kaiserlichen Wien. Städtetourismus ist auch eine Inszenierung. Menschen suchen nach Unverwechselbarem, nicht nach der Verdüsseldorfung von Wien.

 

Ein Jahr Bürgermeister Lötsch, der für Stadtplanung zuständig ist: Was würde anders werden?

Lötsch: (überlegt) Ich würde Fall für Fall prüfen und notfalls auch scheitern lassen. Keine Designergags als oberflächliche Schocker, Innovation als Qualitätsverbesserung von innen. Sukzessive, unter der Schmerzgrenze liegende Entmachtung des Automobils; zum Beispiel mit der Autosteuer obligate Netzkarten für alle Autofahrer; rigorose Bauhöhen-Beschränkung. Keine neue Donauquerung für Autos. Ich würde die Garagenordnung zu Fall bringen und zu mehr Grün in der Stadt ermutigen. Förderung von abgasfreien Cityfahrzeugen, besonders Taxis. Sie sind Teil der Blutzirkulation in der Stadt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2007)