Michael Heltau: „Ich habe ständig fabuliert“

Die Presse (Bruckberger)
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Doyen Michael Heltau über sein Faible für englische Bühnen, die Kunst des Zusehens und das Lampenfieber vor seiner neuen One-Man-Show im Burgtheater.

Die Presse: Sie haben am Burgtheater Anfang der Achtzigerjahre Friedrich Schillers „Wallenstein“ gespielt. Wie war diese Erfahrung?

Michael Heltau: Ich habe noch den „Wallenstein“ mit Werner Krauß gesehen. Das war atemberaubend. Er hat unendlich viel gezeigt, aber noch viel mehr an Geheimnis gehabt. Krauß konnte Monumente lebendig machen. Burgtheater-Direktor Achim Benning sagte mir dann, dass Regisseur Manfred Wekwerth mich als Wallenstein haben wolle. Ich dachte an eine Verwechslung, flog also nach Ostberlin und wollte Wekwerth das ausreden. Ich wollte das Unternehmen vor mir schützen. Also sagte ich ihm und Werner Mittenzwei, dem großen Brecht-Biografen, für mich sei Schiller das Eleganteste, das es in deutscher Sprache gebe. Sie erwiderten mir: „Elegant war eines der Lieblingsworte Brechts, wenn er von Theater sprach.“ Eleganz und Ökonomie haben mir immer viel bedeutet. Wenn man das einmal weiß, wird es nicht leichter. Ich hatte anfangs viel Lampenfieber, zu meinem Schaden. Da bin ich mit mir in Klausur gegangen. Der Grund für das Lampenfieber war die Eitelkeit. Wie werde ich sein?

Heute treten Sie im Burgtheater mit Ihrem neuen Programm „Statt zu spielen“ auf. Was spielen Sie denn am liebsten?

Heltau: Shakespeare, immer wieder Shakespeare. Er ist der große Verwandler. Ich hatte das Glück, sehr viel von ihm zu spielen – Hamlet, Troilus, Romeo. Es bleibt beim Versuch. Man beneidet jene, die ihn im Original aufführen können, die Engländer. Seit mehr als fünfzig Jahren beobachte ich deren Theater; sie sind vor jenen Mode-Ausbrüchen gefeit, die das deutsche Theater pflegt, arbeiten viel weniger spekulativ, viel großzügiger. Mit der Tradition haben sie überhaupt kein Problem. Die Engländer schulen sich an ihr und sind trotzdem immer aktuell. Es kümmert sie nicht, ob sie heutig sind. Das Argument vom heutigen Theater ist dumm. Wir können nur heutiges Theater machen, schlechtes oder gutes.

Sie spielten selbst immer wieder Avantgarde.

Heltau: Das war die englische Avantgarde. Und ich bin in Hinblick auf Nostalgie absolut abstinent. An die Pleiten des Burgtheaters und der Josefstadt erinnere ich mich so, als hätten sie gestern stattgefunden. Das Wenige, das bleibt, hat mit großen Persönlichkeiten zu tun. Mit Ideen allein kann man nicht Theater machen. Die Bühne braucht große Persönlichkeiten, ohne sie funktioniert es nicht. Da sind wir wieder bei den Engländern. Dort sind die Schauspieler Handwerker, die können alle auch singen.

Wie kamen Sie zu den Soloprogrammen?

Heltau: Ich mache das Solistische, seit man mir die ersten bemerkbaren Rollen gab. Damals schon hatte ich im Mozartsaal literarische Lesungen. Ein Abend hieß „Statt zu singen“. Üblicherweise vertonen Komponisten einen Text. Ich habe umgekehrt bereits vertonte Texte vorgetragen, das „Hallelujah“ von Händel zum Beispiel, Wienerlieder oder welche von Brecht. Dann kam „Statt zu reden“, und jetzt gibt es eben „Statt zu spielen“. Das Faszinierende daran ist, dass man nicht vorgibt, jemand anderer zu sein. Der äußere Aufwand ist gering, mein Partner ist immer das Publikum.

Das Gerede vom baldigen Tod des Theaters kommt also ein bisschen verfrüht?

Heltau: Wenn heute ein junger Bursch oder ein junges Mädchen drei Mal im Fernsehen war, sagen sie, sie seien Schauspieler. Diese Berufsbezeichnung wird inflationär gehandhabt, ein Installateur hingegen kann sagen, dass jemand pfuscht. Das Schauspiel aber ist eine große Disziplin. Bei mir ist dieser harte Teil inzwischen meistens fast ein Vergnügen. Ich weiß, warum ich das mache, – damit das Handwerk funktioniert.

Wie entsteht so ein Abend, wie verläuft er?

Heltau: Meine Programme sind Liebeserklärungen, an Schiller, an Kleist, an Brecht. Es gibt an diesem Abend einen Anfang und ein End', dazwischen versuche ich, eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht klingt das ein bisschen poetisch, aber mein gelebtes Leben, nicht mein Theaterleben, macht das Programm. Zwar habe ich den Beruf sehr ernst genommen, dabei aber nicht eine Minute des Lebens geschwänzt. Ich habe ständig fabuliert, auch in der Zeit, als ich große Rollen spielte, und seit meiner Kindheit. Meine Mutter hat mir ein Balladen-Buch geschenkt. Es fing dann also an mit dem „Taucher“, dem „Handschuh“. Zwar habe ich diese Texte damals nicht verstanden, aber sie haben mich fasziniert. So bin ich also ein Textgeschöpf geworden. Viel später habe ich einmal dem Giorgio Strehler gesagt, ich verstehe etwas nicht, und er hat mit einem genialen Satz geantwortet: „Man muss nicht immer alles verstehen, aber man muss immer über etwas nachdenken.“

Was für ein Schauspieler sind Sie?

Heltau: Man unterscheidet zwei Arten: Das Publikum hat jene sehr gern, die jedes Mal etwas anders spielen, die müssen dann tief in den Topf greifen. Ich würde mich aber zu jenen rechnen, die immer gleich sind.

Das sagte man auch über Marlon Brando. Der kam über schwere Arbeit zur Souveränität, um im Spiel alles nur locker anzudeuten.

Heltau: Fingerzeige gibt man! Bei einem guten Text ist alles nur zur Sache. Es geht nicht um Äußerlichkeiten, denn jeder Gag ist gesehen und schon vorbei. Ich bin ein phänomenaler Theaterzuschauer, daher weiß ich: Man muss sich verführen lassen. Das ist das Aufregende auf der Bühne.

BURGTHEATER: Neuer Heltau

„Statt zu spielen“ heißt der neue Soloabend von Michael Heltau, der von den „Wiener Theatermusikern“ begleitet wird. Regie führt Loek Huisman.

Premiere: Dienstag, 20.November, 20Uhr. Weitere Termine 2007: 26.11., 12. und 17. Dezember um 20Uhr, 31.12. um 19Uhr. Tel: (01) 514-44-4140. www.burgtheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2007)

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