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Wir brauchen keine Ausländer

Die Zukunft Österreichs kann auch ohne Zuwanderung gesichert werden.

Schon wieder ein Migrationsbericht. Schon wieder die ewig gleiche Schlussfolgerung, geprägt von der Herzenskälte der Experten: Sollen Pensionen, Gesundheit und Pflege finanzierbar bleiben, dann ist es notwendig, Horden von produktiven Altersklassen aus dem Ausland herbeizuschaffen. Nur dann stimmt das Wachstum. Allein: Das Volk, der „große Lümmel“ (Heinrich Heine), will das nicht. Zum Glück wird Politik, um ein aktuelles Kanzlerwort zu bedienen, immer noch für das Volk gemacht, nicht für Experten. Und mit ein paar Adjustierungen lassen sich die Herausforderungen auch anders lösen.

Erstens: Pensionen abschaffen. Die Menschheit ist Jahrmillionen ohne sie ausgekommen. Das spart mit einem Schlag 14 Prozent des BIP. Zwecks Durchsetzbarkeit ist dabei gemächlich vorzugehen. Bis 2030, wenn die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich 86 Jahre betragen wird, erhöht man das Pensionsantrittsalter schrittweise auf 172 Jahre. Das ist keineswegs absurd, so hat das Pensionssystem sogar begonnen: Als Bismarck die Rente einführte, konnte man mit 70 in Pension gehen. Die Lebenserwartung lag damals bei 35 Jahren.


Warum nicht Pflegefälle exportieren?

Zweitens: Pflege an der Sonne. Die Lebenserwartung steigt in so atemberaubendem Tempo, weil wir die Infektionskrankheiten besiegt haben. Mit Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden wir noch fertig. Bleiben chronisch-degenerative Erkrankungen. Die Zukunft gehört der Demenz mit ihren jahrelangen Pflegezeiten – das ist auch mit slowakischen Pflegerinnen unleistbar.

Zum Glück bewegt sich in einer globalisierten Welt alles – warum nicht auch die Menschen? Wir importieren Tomaten, T-Shirts und Telefone – was spricht dagegen, Pflegefälle zu exportieren? Zum Beispiel an den schönen Atlantikstrand. In Marokko und Mauretanien ist es das ganze Jahr über schön warm. Und wenn die Staatengemeinschaft bei der Erreichung der UN-Millenniumsziele im gegenwärtigen Schneckentempo weitermacht, bleibt es dort auch schön billig. Weitere zwei Prozent des BIP gespart.

Drittens: Gesundheitssystem privatisieren. Die Idee der umlagefinanzierten, solidarischen Versicherung von Lebensrisiken ist ein Fossil. Ersetzt wurde sie längst durch die für eine kapitalfinanzierte Privatvorsorge notwendige Sparkassen-Mentalität: Man zahlt etwas ein und will etwas zurück. Jüngst erklärte mir ein Mitarbeiter, er werde für den Rest der Woche zu Hause bleiben. Er wäre in diesem Monat nämlich noch keinen einzigen Tag krank gewesen. Darauf hätte er aber Anspruch, er zahle schließlich Beiträge. That's the spirit! Fazit: Noch einmal sieben Prozent des BIP gespart.


Zuwanderung beginnt im Kopf

Macht insgesamt 23 Prozent der Wirtschaftsleistung! Drei simple Maßnahmen, unsere Sozialsysteme sind gerettet, und die leidige Zuwanderungsdebatte hat ein Ende. Welche Alternative haben wir auch? Wir müssten diesen furchtbar dicken Migrations- und Integrationsbericht lesen, dann Zuwanderung nach einem Punktesystem vernünftig organisieren und uns schließlich mit der Integration abplagen. Das ist teuer und verunsichert den Wähler nur unnötig. Bekanntlich gibt nichts auf der Welt, was den Menschen so beruhigt wie die möglichst eindringliche Bestätigung seiner Vorurteile.

Nicht ganz ausblenden lässt sich dummerweise die Realität. Im Österreich leben heute 1,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 15 Prozent. Im klassischsten aller Einwanderungsländer, den USA, sind es zwölf Prozent. Auch Zuwanderung beginnt im Kopf.

Fredy Mayer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2007)