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Ein Auftritt, wie er früher einmal war

Die Würfel fallen dann schnell. Die ersten Sekunden des Auftritts entscheiden über den Erfolg.

Heute, Dienstag, wird um 18 Uhr in der Gesellschaft für Musik (im Wiener Hanuschhof) eine Bildbiografie von Elisabeth Schwarzkopf präsentiert. Das ist insofern bedeutsam, als dieses Buch die herrlichsten Porträtfotografien enthält, die sich denken lassen. Wenn auch die Doyenne der österreichischen Künstler-Fotografen, Lillian Fayer, von ihren eigenen Kunstwerken heute meint, sie seien dem Geschmack von gestern oder gar vorgestern verpflichtet, so darf man als Freund der Musen doch leise widersprechen und anmerken: Diese Fotografien verraten – mögen sie auch noch so artifiziell und nicht „nach der Bühnennatur gemalt“ sein – viel von dem Geist, der eine Diva wie die Schwarzkopf beseelte, und der das Theaterleben jener Generation so beglückend reich machte.

Da steht von Bild zu Bild eine Persönlichkeit vor uns, die imaginäre Bühne beherrschend, raumgreifend wie Persönlichkeiten vom Range der Elisabeth Schwarzkopf nun einmal ihre Kunst zu entfalten wussten. Wer zuletzt Wiener Aufführungen von Werken wie „Arabella“ besuchte, wer – siehe die Rezension im heutigen Blatt – die Benatzky-Revue der Volksoper erlebt, weiß, wovon die Rede ist.

Nehmen wir die Strauss-Oper als Exempel: Die Handlung, die Hofmannsthal erfunden hat, ist nicht von der erdigen Kraft mancher (weit weniger schlüssiger) Verdi-Libretti, hat wenig vom psychologischen Tiefgang Mozartscher oder Wagnerscher Musikdramatik, wirkt aber sympathisch anrührend, sobald Interpreten mit dem entsprechenden Charme und der nötigen Persönlichkeit erscheinen: Die Würfel fallen dann schnell, die ersten Sekunden des Auftritts entscheiden. Erinnern wir uns, wie Gundula Janowitz durch die Tür des Hotelzimmers schwebte und mit huldvollem „Ich danke, Fräulein“ ihre Anstandsdame verabschiedete? Das war die halbe Miete, wie man heutzutag salopp zu sagen pflegt.

Je weniger konsistent das dramaturgische Potenzial eines Stückes ist, umso wichtiger wird die Strahlkraft des Darstellers für den Erfolg. Fehlt das Charisma, kann auch die wunderbarste Vokalkunst bei Arien und Cabaletten nichts vom Erfolg retten.

Dass Strauss und Hofmannsthal von einer gemeinsamen Operette träumten, ist im Übrigen kein Zufall. Sie waren imstande, Stücke für Sängerpersönlichkeiten zu entwerfen. Die Operette braucht solche starken Charaktere als Interpreten mehr als jedes andere Genre. Wer den Abend, den Christoph Wagner-Trenkwitz zum Gedenken an den 50.Todestag Ralph Benatzkys in der Volksoper ausgerichtet hat, in diesem Licht betrachtet, dem könnte freilich angst und bang werden. Kein Wunder, dass Peter Minich mit seinen achtzig Jahren Ovationen erhält. Das hat nicht einmal so viel mit Hans Weigels wahrem Satz zu tun, dass man in Wien gern unter dem Prätext „wenn man bedenkt“ applaudiert, sondern mit dem eingangs erwähnten Phänomen: Minichs unwiderstehliches Lächeln sagt dem Publikum: „Es war einmal“ – was rund um ihn geschieht, scheint die Diagnose unwiderleglich zu untermauern.

Das ist das Traurige an der Nostalgie, aber auch eine Aufforderung an die Intendanten, die Ansprüche auf höchstes Niveau zurückzuschrauben.

Erinnerung verpflichtet.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2007)