Pathologie: Krebszellen unter Kontrolle

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Das Immunsystem kann Krebszellen, die es nicht eliminieren kann, teilweise „befrieden“.

Ein bösartiges Melanom aus einer Spenderniere – obwohl der Spender bereits 16 Jahre vor der Transplantation für geheilt erklärt worden war: Schuld daran war die medikamentöse Unterdrückung des Immunsystems, die nach Organtransplantationen die Abstoßung des fremden Gewebes verhindern soll. Offensichtlich hatten die Krebszellen die „Heilung“ 16 Jahre überlebt, ständig in Schach gehalten durch das Immunsystem.

Dieses Beispiel zitieren Pathologen um Robert Schreiber (St.Louis) in einer Arbeit (Nature, online 16.11.) über „verborgenen Krebs“ („occult cancer“). An Mäusen, die sie einer karzinogenen Substanz (wie sie in Zigarettenrauch enthalten ist) ausgesetzt hatten, zeigten sie: Tiere, die diese Behandlung überlebt haben, tragen sehr wohl Krebszellen in sich, die ihr Immunsystem aber offenbar unter Kontrolle hat. Es hat sich sozusagen ein „Gleichgewicht“ eingestellt, ermöglicht durch zwei „Kompromisse“: Die Krebszellen vermehren sich weniger als enthemmte Krebszellen, und sie werden häufiger zur Apoptose (dem gesteuerten Zelltod) genötigt.

Diese teilweise „Befriedung“ der bösartigen Zellen kann das realistische Ziel von Immuntherapien sein: Der Krebs wird nicht völlig ausgerottet, aber unter Kontrolle gehalten – durch für den Tumor spezifische T-Zellen, deren Aktivität bisher schon als Indiz für eine optimistische Prognose gilt. Die Existenz von „schlafenden Tumoren“ könnte erklären, warum immer wieder Krebszellen in offensichtlich gesunden Patienten gefunden werden, aber auch, warum Lungenkrebs bei Rauchern oft so „plötzlich“ ausbricht und gar nicht mehr behandelbar ist: Er hat sich schon lange entwickelt, ist aber erst durch eine – andersweitig ausgelöste – Schwäche des Immunsystems aus dessen Kontrolle entkommen.

Wichtig für die Bekämpfung eines Tumors durch das Immunsystem ist jedenfalls, dass dieses den Feind überhaupt erkennt. Immunobiologen um Leonie Taams fanden einen Mechanismus, der das verhindern kann (Pnas, 19.11.): Regulatorische T-Zellen („tregs“) können andere Immunzellen, die Makrophagen, davon abhalten, Entzündungen hervorzurufen. Das dient dazu, Überreaktionen zu vermeiden: Das Immunsystem soll nicht auf jede kleine Verletzung mit Entzündung reagieren. Wenn die „Tregs“ allerdings bei einem Tumor die Entzündungsreaktion verhindern, kann das bedeuten, dass dieser unentdeckt bleibt.

Eine weitere Facette des hoch regulierten, daher hoch komplizierten Immunsystems also. Dass dieses in der Abwehr von Krebs keine so gute Figur macht, erklärt Robert Schreiber so: „Wir glauben nicht, dass das Immunsystem sich dazu entwickelt hat, mit Krebs fertig zu werden. Krebs ist typischerweise eine Erkrankung der Älteren, die ihre Reproduktionszeit hinter sich haben. Das heißt, dass kein evolutionärer Druck das Immunsystem dazu getrieben hat, eine Methode zur Bekämpfung von Krebs zu entwickeln.“ Mit dieser Einsicht arbeiten die Forscher daran, es doch dazu zu bringen.

UMGANG MIT KREBSZELLEN

Drei Szenarien im Umgang des Immunsystems mit Krebszellen unterscheidet das Modell von R.Schreiber:1)Elimination, also vollständige Zerstörung; 2)Etablierung eines Gleichgewichts; 3)Entkommen: Die Krebszellen verändern sich so, dass das Immunsystem sie nicht mehr erkennt und damit die Kontrolle verliert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2007)

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