Ammann: "Museumsdirektoren an die Front!"

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Jean-Christophe Ammann über Oben und Unten in der Kunst, die Intensität der Wahrheit – und warum es von Vorteil ist, sein Büro in einem Zugabteil zu haben.

Die Presse: Im Vorjahr ist eine Flut an Ratgebern zu zeitgenössischer bildender Kunst herausgekommen – aus welchem Bedürfnis heraus haben Sie Ihr Buch jetzt geschrieben?

Jean-Christophe Ammann: Das hat mit meiner Art und Weise des Denkens zu tun – ich denke nämlich 360Grad, das heißt, alles ist möglich. Es geht mir um die Authentizität und Intensität eines Werks, das ist seit Anfang der 70er, seit dem Ende der Avantgarden, wichtig geworden. Ab 1975 öffnete sich der Horizont wieder um 360Grad. Und jeder musste plötzlich in der Kunst selbst herausfinden, wo oben und unten ist.

Und Sie haben das herausgefunden?

Ammann: Ich brauchte erst einmal einige Jahre, um herauszufinden, was überhaupt passiert ist. Ich war stilbesessen, aber ich musste erst verstehen, dass das Jahrhundert der Stile zu Ende geht. Und als Museumsdirektor musste ich mich noch mehr sputen als alle anderen.

Und ist jetzt diese Zeit nach den Stilen in der Kunst eine gute oder schlechte?

Ammann: Es ist eine sehr gute Zeit! Weil es keine Vorgaben gibt. Jeder muss sich selbst als Vorgabe betrachten, sich selbst ergründen.

Objektive Kriterien der Qualität kann es so allerdings keine mehr geben.

Ammann: Objektive Kriterien gibt es dann, wenn das Subjektive und Intime eine Form gefunden haben, die alle ansprechen kann. Das ist wie bei einem guten Roman, wie bei „Der Leuchtturmwärter“ von Jeanette Winterson oder Christoph Heins „Frau Paula Trousseau“. Plötzlich schlägt Ihnen in so einem Buch die Wahrheit ins Gesicht. Authentizität und Intensität eben.

Welche Beispiele hätten Sie dafür aus der bildenden Kunst?

Ammann: Eric Fischl etwa, wie ein Balzac hat er seine Bilder weiterentwickelt. Oder die präzisen Videos von David Claerbout.

Ein Österreicher fällt Ihnen dabei nicht ein?

Ammann: Doch, ein Günter Brus 1970, 1971. Da hatte er eine unglaubliche Wucht.

Kunst beginnt dort, wo Geschmack aufhört, schreiben Sie in Ihrem Buch – was meinen Sie eigentlich damit genau?

Ammann: Das ist ein bisschen flapsig formuliert: Aber es ist in etwa so, wie wenn ich eine wunderschöne Frau treffe, mich verliebe, und nach drei Monaten ist dann alles Kokolores. Allein der Geschmack genügt eben nicht. Man muss ihn immer hinterfragen. Obwohl er natürlich ein Attraktor ist, ein Verführer. Aber das heißt noch nicht, dass etwas auch Qualität hat. Das sieht man nur mit der Zeit. Wenn eine Frau etwa sagt, du kannst mich mal – und mich auch noch ins Schienbein tritt. Und ich lasse aber trotzdem nicht locker, und nach einem Jahr funktioniert es dann. Das hat dann Qualität.

Sie waren lange Direktor von Moderne-Museen. Heute jammern Ihre Kollegen, die Preise für zeitgenössische Kunst seien so hoch, dass sie nicht mehr sammeln können. Stimmt das?

Ammann: Das stimmt doch gar nicht! Es gibt unendlich viele Künstler, die gar nicht am Markt sind und wunderbare Dinge machen. Ich hatte nie Geld zu meiner Zeit als Direktor. Es ist nur eine Sache von Instinkt. Ich besuche heute noch laufend Leute in ihren Ateliers, die sind gerade mal 30 Jahre alt. Ein Museumsdirektor muss an die Front. Sein Büro ist das Zugabteil, das hat schon Wilhelm von Bode gesagt.

MUMOK: Buchvorstellung

Jean-Christophe Ammann war bis 2002 Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt a.M. Zuvor hat er das Kunstmuseum Luzern und die Kunsthalle Basel geleitet. Seit 1999 Professor in Frankfurt.

Sein neues Werk „Bei näherer Betrachtung. Zeitgenössische Kunst verstehen und deuten“ (Westend Verlag) wird am 21.11. um 19Uhr, im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien vorgestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2007)

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