Das Leben ist eine Wunschliste

Christkind? „Vater, diese Hypothese brauche ich nicht!“

In die derzeit tobende Debatte über die Verteilung des Reichtums zwischen den Generationen – die, wenn man mich fragt, wunderbar von der Frage ablenkt, wie gerecht der Reichtum denn überhaupt verteilt sei, aber mich fragt ja keiner – darf man einwerfen, dass demnächst eine nicht unbedeutende Umverteilung der Glücksgüter stattfindet, von der im Erwerbsleben lebenden Generation zur im Kindergarten- und Schulleben stehenden Generation: Sie läuft unter „Weihnachten“.

Wie bitte? Das ist doch erst in viereinhalb Wochen? Den Lesern, die mit dieser Zwischenfrage meinen kleinen Frontalunterricht stören, ist erstens entgangen, dass sich prominente Plätze unserer Städte längst adventlich elektrifiziert haben, dass der Punsch, um es schonungslos zu sagen, bereits gebraut wird.

Zweitens haben sie offenbar keinen im Lesen von Lego- und Playmobil-Katalogen sowie im Schreiben von Listen versierten Achtjährigen in ihrem Umfeld, der längst dabei ist, die zu erwartende Beute nach diversen sozialen und familiären Kriterien – und gerecht! – auf die Geber aufzuteilen.

Wunschliste nennt man das, und, die Säkularisten dürfen sich freuen, der Adressat ist nicht das Christkind. Das freut auch mich: Lange genug habe ich gepredigt, dass dieses nicht nur den Atheisten, Heiden, Juden und Moslems ein Ärgernis sein muss, sondern auch den Christen. Dass es gelungen ist, den neugeborenen Jesus zum herzigen Engerl mit Krönchen und Spitzenkleidchen umzubilden, das über die zweifelhafte Gabe der Plurilozität verfügt sowie Geschenke transportiert, statt solche von exzentrischen Philosophen aus dem Morgenland in Empfang zu nehmen, ist ein Tiefpunkt der Kultgeschichte.

Andererseits ist das Christkind ein Vehikel der Entmythologisierung. Heutige Kinder können an ihm ein Grundmuster der Aufklärung einüben: die Wegrationalisierung von übernatürlichen Erklärungen, die überflüssig geworden sind.

Schon ein aufgeweckter Vierjähriger, dem die Eltern aus romantischen Motiven vom Christkind erzählen, macht ja seine Beobachtungen: All die Geschenke, die laut Autoritäten vom Christkind gebracht werden, sind sehr wohl an den üblichen Verkaufsstätten zu erstehen (und werden dort besonders im Advent in auffällig hoher Frequenz erstanden); bei einem vergleichbaren Fest – dem Geburtstag – kommen die Geschenke eingestandenerweise von real existierenden Personen; die Konkurrenz durch den Weihnachtsmann wird nie vernünftig geklärt; am Heiligen Abend bleiben die Vorgänge im Wohnzimmer verdächtig dunkel...


Irgendwann spricht das Kind dann (sinngemäß) die großen Worte: „Vater, diese Hypothese brauche ich nicht!“ Oder es beschließt, so zu tun als ob, gezielt zu zwinkern, um den jüngeren Geschwistern und/oder bigotten Onkeln/Tanten, wie man so sagt, „eine Freude zu machen“. Und es antwortet auf deren suggestive Frage „Glaubst du ans Christkind?“ mit betont lieblichem Augenaufschlag: „Irgendwie schon.“

Womit – Freudianer, bitte weghören! – die wissenschaftliche Weltanschauung eine kurze Niederlage erlitten hätte, der Wunscherfüllung außerhalb des Traumes und der innerfamiliären Umverteilung zuliebe. Sie wird's überstehen. Alle Jahre wieder.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2007)

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