Schloss Versailles: Der silberne Sturz des Sonnenkönigs

Esterhazy
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Im Schloss Versailles werden prunkvolle Möbel der Fürsten Esterházy präsentiert. Derartige Preziosen waren unter Ludwig XIV. der letzte Schrei in Paris.

Wie legte der Fürst von Welt im Barock sein Geld am stilvollsten an? Mit Silbermöbeln. Aus den besten Goldschmieden in Augsburg, Kopenhagen oder London. Am besten aus massivem Silber, wie es sich Ludwig XIV. leisten konnte. Sonst eben aus Ebenholz mit Silber beschlagen. Beides schmückte den Raum zu Friedenszeiten aufs Eleganteste, schimmerte geheimnisvoll in Kerzenlicht oder Kaminfeuer. Beides konnte in Krisenzeiten ohne großes Aufheben eingeschmolzen und zu Münzen verarbeitet werden. Ein Schicksal, dem die meisten dieser reich verzierten Preziosen, wie übrigens auch das Tafelsilber des Kaisers in Wien, rasch zum Opfer fielen.

Extrem selten taucht eines dieser repräsentativen Möbel heute noch auf dem Kunstmarkt auf, eines der letzten, an die sich etwa Winfried Baer, ehemaliger Direktor u.a. von Schloss Charlottenburg in Berlin, erinnern kann – er hat es damals selbst für das Museum gekauft: einen Augsburger Spiegel, 1998 bei Christie's in London um 460.000DM.

160 Exemplare weltweit

Insgesamt wären weltweit überhaupt nur mehr 160 Silbermöbel bekannt gewesen, schätzt Stefan Körner, der eloquente 28-jährige Sammlungsleiter der Stiftung Esterházy. Eine Zahl, die in den vergangenen Jahren um 30 erweitert werden konnte, um die in Vergessenheit geratenen Möbel aus der Sammlung Esterházy, die bis vor wenigen Jahren noch vom Forstdirektor nur minimal und nebenbei archivarisch betreut wurde. 18 dieser „wiedergeborenen“ Möbel – „Wir wussten ja gar nicht, was wir alles hatten“, gesteht Esterházy-Generaldirektor Stefan Ottrubay – sind seit Mittwoch erstmals prominent ausgestellt.

Und prominenter geht es eigentlich wirklich nicht mehr: Die vom Wert unschätzbaren Spiegel, Wandleuchter, Kerzenständer und ein singulärer Tisch sind Teil der ersten Sonderausstellung, die in den Grands Appartements Ludwig XIV. in Versailles stattfindet.

Nach 1689 eingeschmolzen

Im Vergleich zur theatralischen Inszenierung der Schau mit künstlichem Kerzenlicht in den Planetensälen und einer etwas billig wirkenden Papprekonstruktion der silbernen Thronsituation im Spiegelsaal lautet der Titel so lapidar wie raffiniert: „Quand Versailles était meublé d'argent“ (das französische „argent“ bedeutet sowohl Silber als auch Geld). Und ist eigentlich ein kleines Fake, wenn auch auf höchstem Niveau.

Denn die originalen Silbermöbel des Sonnenkönigs sind ja allesamt nicht erhalten, nur zwischen 1683 und 1689 waren sie hier aufgestellt, dann wurden sie eingeschmolzen. Ein schlechtes Geschäft: Zehn Millionen Livre hatte Ludwig XIV. dafür ausgegeben, nach einem halben Jahr, in dem 200 Möbel in den Schmelzöfen verschwanden, kamen nur zwei Millionen Livre Kriegsbudget wieder heraus. Genau ab dieser Zeit übrigens begann sich die Mode der Silbermöbel in ganz Europa zu verbreiten. Und Leihgaben aus Europa sollen jetzt auch ein Gefühl für das Ambiente vermitteln, in dem der König Hof hielt.

Zu Beginn haben die Kuratoren in Versailles ein wenig die Nase gerümpft, als sie auf die Sammlung in diesem Forchtenstein in Autriche hingewiesen wurden. Schließlich sollten nur Silbermöbel königlicher Herkunft Versailler Würden erlangen. „Man hat sie eines Besseren belehrt“, so Körner nicht ohne einen Hauch von Häme.

Jetzt verschmelzen die Esterházy-Exponate mit den rund 70 Leihgaben unter anderem aus Hannover, Moskau und Kopenhagen zu einem Ganzen. Im Besitz des dänischen Königshauses ist heute übrigens die weltweit größte Silbermöbel-Sammlung – was auf lange Friedenszeiten schließen lässt. Ansonsten beheimatet auf dem dänischen Schloss Rosenburg, wurden sie wegen einer Generalsanierung erstmals in diesem Ausmaß auf Reisen geschickt, darunter einer der sechs lebensgroßen Silberlöwen aus dem Thronsaal. Ein Glücksfall, der Grundstein und Basis der Ausstellung bildet.

Der Einstieg, sozusagen das Amuse-Geule der Ausstellung, wird aber stolz von Forchtensteiner Hand gereicht. Gleich zu Beginn schimmert geheimnisvoll im Kunstkerzenlicht, was 1992 noch schwarz angelaufen und in seine Einzelteile zerlegt in einer Fensternische des gerade zwecks Begleichung der Erbsteuer verkauften Palais Esterházy am Kohlmarkt gefunden wurde und seit dem Zweiten Weltkrieg als unauffindbar galt: der opulent verzierte, über und über mit Silber beschlagene Ebenholztisch, den Paul I. Esterházy, damals noch Graf, später der erste Fürst des Geschlechts, 1665 um damals ziemlich ungeheuerliche 3000Gulden bei Augsburger Goldschmieden gekauft hatte.

Das spiegelt wie die anderen Silbermöbel-Erwerbungen Pauls I. die „royalen Ambitionen“ eines „kleinadeligen Geschlechts“ wider, sagt Körner. Ursprünglich, 1658/59, war das prächtige Kunstkammerstück nämlich von Kaiser Leopold I. in Auftrag gegeben worden, um als diplomatische Grußbotschaft nach Konstantinopel geschickt zu werden. Was wohl ein gröberer Fauxpas gewesen wäre, wie der kaiserliche Hofkriegsrat noch rechtzeitig anmerken konnte – die Szenen mit dem Urteil des Paris oder der Vermählung des Neptun mit Amphitrite zeigten für muslimischen Geschmack doch etwas zu viele nackte Damen.

Ludwig kontra Prinz Eugen

In Versailles zu Zeiten Ludwigs XIV. hätte das bestimmt niemanden gestört. Sehr wohl gestört, wenn nicht gar rasend gemacht hätte den Sonnenkönig allerdings ein anderes Exponat. Für Kurator Lorenz Selig ist das Stück, das aus dem Haus Hannover stammt, „der Höhepunkt der Schau“ – und eigentlich „ein Treppenwitz der Geschichte“: Eines der laut Selig bedeutendsten noch erhaltenen Ensembles, das noch dazu im Mars-Saal Ludwigs XIV. ausgestellt ist, beinhaltet einen Tisch, der von Welfen-Prinz Maximilian Wilhelm in Auftrag gegeben wurde, einem engen Freund des Prinzen Eugen in Wien. Was auch im ikonografischen Programm der Silberplatte klar erkenntlich wird, das auf einen Sieg des berühmten Feldherrn gegen die Franzosen bei Turin anspielt – und den Sturz des Sonnenkönigs zeigt.

SCHAU IN VERSAILLES

18 Silbermöbel aus Österreich, nämlich von der Burg Forchtenstein (Burgenland), finden sich unter den 150 in Versailles ausgestellten Silbermöbeln.

Ansonsten zeigt die Schau „Quand Versailles était meublé d'argent“ Stücke, die zu Anfang des 18.Jahrhunderts von Europas Höfen angeschafft wurden.

Bis 9.März2008. Täglich außer Mo, 9–17.30Uhr, Dienstag und Samstag „Nocturne“ bis 22Uhr. Eintritt 15, nach 15Uhr 11Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2007)

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