Maurice Béjart: „Tanz ist Pop. Alles ist Pop.“

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Star-Choreograf Maurice Béjart, Meister der Polarisierung und des Populismus, ist tot.

Ein Wanderer zwischen den Welten“ („Süddeutsche Zeitung“, 1988). Ein Intellektueller, ein Provokateur zu seiner Zeit, ein Mann mit Sinn für das Sinnliche ebenso wie für Spiritualität. Er hat das 20.Jahrhundert regiert – nicht mit Worten, waren diese auch stets wohl gewählt, sondern mit dem Ausdruck des Körpers: Maurice Jean Berger, der sich nach einer berühmten Schauspielerdynastie des 17.Jahrhunderts Béjart nannte, gilt als der wohl stilprägendste und einflussreichste Choreograf des vorigen Jahrhunderts.

Als Silvesterkind in die feuchte Kälte des Marseille von 1927 geboren, wurde er vom Vater – dem Schriftsteller und Philosophen Gaston Berger – geprägt, die Mutter starb früh, der Sohn studierte Philosophie, interessierte sich für Religion, trat zum Islam über. „Als ich zum ersten Mal im Iran war, habe ich Menschen getroffen, die viel offener waren für Religion und Tanz“, sagte er – lange vor 9/11 – Anfang der 1990er in einem Interview für die „Weltwoche“. Den ehemaligen Schüler eines katholischen Internats faszinierten aber auch die Extreme des Islam – er fand darin eine neue Heimat und eine Inspirationsquelle.

Und er stürzte sich in den Tanz, debütierte 1945 an der Marseiller Oper und setzte, als er zu choreografieren begann, zu einem Höhenflug an, der den ernsten Mann mit dem dunklen Vollbart für immer in das kollektive Gedächtnis des Balletts einprägte.

Ein Tutu? Das ist doch Pornografie!

Er hielt sich nicht an Traditionen, experimentierte vor den Augen des Publikums, wagte sich nicht selten an Grenzen – wohl wissend, dass nichts mehr im Fluss ist als Geschmack und Mode: „Das ist ein pornografisches Kostüm“, meinte er einmal über das traditionelle Tüll-Tutu und gefiel sich darin, das Bildungsbürgertum mit Tänzern in Jeans zu verschrecken. Polarisierung und Populismus waren seine Kunst.

Béjart hat das zuvor Unmögliche auf die großen Bühnen gestellt, hat den (klassischen) Tanz revolutioniert, hat seine eigene Bewegungssprache erfunden, sich nicht von Avantgarde abschrecken lassen, fand auch in atonalen oder konzeptionellen Musikstücken einen Weg zu körperlicher Ausdruckskraft, traute sich an die Popkultur und die Aids-Problematik ebenso heran wie an die 68er-Bewegung. Er hatte Charisma und Charakter, verstand es, mit seiner Ausstrahlungskraft als Tänzer und als Choreograf Publikum wie Kollegen in seinen Bann zu ziehen. Die Gründung der eigenen Kompanie ergab sich daraus quasi zwangsläufig, ebenso sein Hang, nicht nur Opernhäuser und Theater zu bespielen, sondern auch Arenen und Stadien, wo er mit seinen dynamischen Szenerien ein großes Publikum begeistern konnte.

„Meine Philosophie ist herzlich einfach“, meinte er 2003 über seine Queen-Choreografie „Ballet for Life“ in einem Interview für die „Welt“: „Tanz ist Pop. Alles ist Pop. Meine Tänzer leben im Jetzt. Sie sehen Kino, Video, TV-Werbung. Anders als vor 40 Jahren, da drehte sich der Tanz nur auf seinen zwei Beinen, isolierte sich von anderen Kunstformen.“ Von Béjart kann man das nicht behaupten. Er choreografierte, inszenierte Opern, schrieb Bücher. Nur nicht langweilen! Nur kein Formalismus! Das Publikum hat ihn dafür geliebt. Die Tanzkunst wird davon nachhaltig profitieren. Am Donnerstag ist er 80-jährig in Lausanne gestorben.

ZUR PERSON: Maurice Béjart

Der Sohn eines Philosophen debütierte mit 14 Jahren an der Pariser Oper. Seine erste Choreografie war 1951 „L'Inconnu“, Durchbruch mit „Le sacre du printemps“. Béjarts Kompanien tourten von Brüssel, Lausanne aus durch die Welt. Berühmte Arbeiten: „Der Feuervogel“, „Nijinski“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2007)

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