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Pisa und seine Kritiker

Kein einziges Argument gegen die Reliabilität und Validität der Pisa-Studien wurde bislang widerlegt.

Nur selten haben Bildungs- und Sozialwissenschaftler die Gelegenheit, die Tragfähigkeit eigener Analysen unmittelbar experimentell zu überprüfen. Wir, die Herausgeber und Autoren, hatten diese Ausnahmegelegenheit mit der Veröffentlichung unseres Buches (Hopmann/Brinek/Retzl: „Pisa zufolge Pisa“, LIT-Verlag 2007) zu Pisa! Im vorab veröffentlichten Vorwort zum Buch hatten wir anhand bisheriger Pisa-Debatten in anderen Ländern eine Vorhersage gewagt, wie die Reaktionen auf unser Buch ausfallen würden. Es ist – leider – bislang genauso gekommen, wie wir vorhergesagt hatten.

Zunächst kamen sachliche und inhaltliche Berichte (z. B. in der „Presse“). Unsere erste Vermutung war, dass Pisa danach entweder ausdrücklich von Kommentaren Abstand nehmen oder pauschal auf den bewährten Charakter der Studien verweisen würde. Das ist in unserem Fall auch umgehend durch die Kollegen Haider aus Salzburg und Andreas Schleicher von der OECD in Paris passiert. Als Nächstes hatten wir damit gerechnet, dass die Autoren selber angegriffen und ihnen sachfremde Motive unterstellt werden würden.

Wenig überraschend kam diese Reaktion auch prompt – hauptsächlich von den politischen Nutznießern der Pisa-Studie. Ebenso wenig überraschend stellte sich dann bei persönlicher Nachfrage heraus, dass keiner dieser Verteidiger (Niederwieser, Van der Bellen, AK etc.) das Buch schon gesehen, geschweige denn seinen tatsächlichen Inhalt zur Kenntnis genommen hatte. Danach erwarteten wir, das folgende Argument würde die Runde machen: Unsere Kritik enthalte sowieso nichts Neues und sei schon deswegen obsolet – als ob die Wiederholung einer Kritik diese schon ungültig machen würde. Das scheint die Phase zu sein, in der sich die Diskussion gegenwärtig bewegt.

Was noch fehlt, ist die prognostizierte vierte Phase, in der jetzt direkt von Pisa-Seite behauptet wird, das alles sei schon längst bekannt und entweder schon berücksichtigt oder widerlegt. Das wird vermutlich im Zusammenhang mit der Ergebnispräsentation am 4. Dezember geschehen. Dabei ist festzuhalten, dass kein einziges der von uns vorgebrachten Argumente gegen die Reliabilität und Validität der Pisa-Studien – ob alt oder neu – bislang wissenschaftlich nachprüfbar widerlegt wurde.


Prognose über den Diskussionsverlauf

Wir hatten unsere Prognose über den Diskussionsverlauf auch mit einschlägigen Studien zur Entwicklung vergleichbarer Diskussionen bei Industrie- und Politikskandalen untermauert und dazu unter anderem auf den in der einschlägigen Forschung als paradigmatisch geltenden Fall des Contergan-Skandals hingewiesen. So gesehen ist es vielleicht kein Zufall, dass die Kritiker ausgerechnet diesen Vergleich aus dem Zusammenhang gerissen und skandalisiert haben, weil genau dieser Vergleich am unmittelbarsten eben das Reaktionsmuster auch in unserem Fall beschreibt. Mich hat diese scheinheilige Skandalisierung des aus dem Zusammenhang gerissenen Vergleichs sehr persönlich berührt. Mein jüngster Bruder, Norbert, war Contergan-Opfer.

Natürlich ist die Debatte noch nicht zu Ende, und noch kann man hoffen, dass es zu einer sachlichen Auseinandersetzung über das Für und Wider der Pisa-Studien kommen kann. In unseren Vorannahmen haben wir nicht damit gerechnet. Wir hoffen jedoch darauf, wenigstens in diesem letzten Teil unserer Prognose widerlegt und eines Besseren belehrt zu werden. Wenn es dadurch auch noch gelingen könnte, zu einer Aufweichung der verhärteten Fronten, zu einer Öffnung hin zu einer größeren Breite der Schulqualitätsforschung und damit zu einer dynamischen Schulentwicklung beizutragen, wäre schon sehr viel erreicht.

Univ.Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann lehrt am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien und am Pedagogisk Institutt der NTNU in Trondheim.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2007)