Aber ja, wir wollen überfordert und überfahren werden von jungem, frechem Theater!
Vornehm verspielt, zum Teil sogar in Rosa, schaut es jetzt aus, das in den letzten Jahren von bösem Puppentheater und poetischem Internationalismus geprägte Wiener Schauspielhaus. Es hatte zugleich auch den nicht zu unterschätzenden Charme einer Studenten-WG. Der neue Intendant Andreas Beck aber, der dem Burgtheater noch fehlen wird, wirkt im Vergleich streng wie ein schwedischer Kommissar.
Er hat diese Woche bei der Eröffnung seiner ersten Saison das Publikum tatsächlich verschärft in die Pflicht genommen, durch ein Vorspiel und drei österreichische Erstaufführungen: ein Doppelpack am Donnerstag mit einem frühen Text von Händl Klaus und einem üppigen experimentellen Nachschlag von Ewald Palmetshofer, ein Doppelpack am Freitag mit „schlafengehen“ von Gerhild Steinbuch und „wie ein leben zieht mein koffer an mir vorüber“ von Johannes Schrettle.
Aber ja, Herr Direktor, wir wollen in der Nacht in Ihrem schmucken Haus überfahren und überfordert werden von jungem, frechem Theater! Da darf auch einmal etwas scheitern, solange das Tempo stimmt.
Das Schauspielhaus kann sich, wenn die ersten Anzeichen nicht trügen, zu einem Konkurrenten des Burgtheaters in der Gegenwartsdramatik entwickeln. Dort bieten bisher Kasino und Vestibül die interessantesten Neuerungen der Stadt.
Herausgefordert wären aber auch andere große Bühnen, die gerade in diesem wichtigen Sektor der Förderung dramatischer Talente im Vergleich alt aussehen. Unter Emmy Werner hat man im Volkstheater noch etwas mehr riskiert, und eine Uraufführung von Franzobel pro Josefstadt-Saison kann es doch auch nicht gewesen sein. Hoffentlich wirken die Premieren im Schauspielhaus brutal stimulierend.
Zum Schluss darf man auch noch dem Welttheater-Flair in der Porzellangasse unter Airan Berg und Barry Kosky nachtrauern. Wer ist denn jetzt in der Stadt für diese Nische zuständig? Nur die Wiener Festwochen?
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2007)