Die Universität entdeckt das Pokern

Die Presse (Bruckberger)
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Der Poker-Boom im Fernsehen treibt auch Studenten an die Spieltische. Während es die einen als harmloses Gesellschaftsspiel betreiben, finanzieren andere im Casino ihr gesamtes Studium.

James Bond und John Wayne sind nicht gerade jene Film-Helden, mit denen sich Studenten freiwillig identifizieren. Und dennoch wächst da eine unsichtbare Brücke, die immer mehr Akademiker der Gegenwart mit den Raubeinen der Vergangenheit verbindet: sie alle spielen Poker.

Die TV-Präsenz der Mutter aller Kartenspiele zeigt Wirkung. Längst hat sich in Österreich eine eigene Poker-Liga für Studenten etabliert, die in regelmäßigen Abständen einen Universitätsstandort nach dem anderen besucht. Während die Spieler der sogenannten Students Tour nur um Ruhm und Ehre spielen, finanzieren andere bereits Studium und Lebensunterhalt am Spieltisch. Christian Hintershelmer (Name von der Redaktion geändert) ist einer von ihnen.

Der 26-Jährige ist Student der Sozialökonomie an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Von seinem im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch erworbenen Nebenerwerb können gewöhnliche Studenten nur träumen. Stehen die Karten gut, bringt er es im Monat auf Einnahmen von 2000 Euro und mehr. Dafür „investiert“ er wöchentlich etwa 20 Stunden seiner Zeit. „Als Arbeit würde ich das aber nicht bezeichnen“, erzählt er im Gespräch mit „UniLive“. „Dazu macht mir das Kartenspiel viel zu viel Spaß. Es ist mein Hobby.“

1500 Euro an einem Abend

Angefangen hat alles vor zwei Jahren in einer Runde unter Freunden. „Wir saßen zusammen wie im Film, haben Zigarren geraucht, Bier getrunken und um Geld gespielt.“ Seitdem ist Hintershelmer vom Poker-Virus infiziert.

Meistens spielt er Turniere in den Wiener Karten-Casinos. Für eine Teilnahmegebühr von 150 Euro erhält jeder Teilnehmer eine bestimmte Anzahl von Chips. Wer im Laufe des Turniers alle Chips verliert, scheidet aus. Sieger ist, wer am Ende alle Chips sein Eigen nennt. Den besten Spielern des Turniers winken Preisgelder. Das höchste Preisgeld, das Hintershelmer bisher gewonnen hat, betrug 1500 Euro.

Dass beim Poker Köpfchen gefragt ist, zeigen die Biografien einiger der weltbesten Poker-Profis. Viele von ihnen haben studiert, manche waren sogar in Lehre und Forschung tätig. Unter ihnen sind Multi-Millionäre wie Doyle Brunson (Erziehungswissenschaft) Chris Ferguson (Informatik; Schwerpunkt künstliche Intelligenz) und Annie Duke (Psychologie).

„Poker muss weg vom immer noch schlechten Hinterzimmer-Image“, sagt Sport-Student Max Golda. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Martin Sturc hat er die Austria Pokersport Association (APSA) gegründet. Deren Ziel ist es, Poker als Denksport, und nicht als Glücksspiel für krankhafte Zocker, zu etablieren. Deshalb werden bei den Turnieren der Students Tour (siehe Artikel unten)auch keine Geldpreise wie in den Karten-Casinos ausgelobt. Als Motivation für die Spieler müssen Sachpreise herhalten. Die Teilnahmegebühr beträgt zehn Euro.

Auch wenn „echte“ Poker-Spieler wie Christian Hintershelmer mit den Bedingungen der Students Tour wenig anfangen können (so fehlt am Tisch ein professioneller Dealer, der die Karten teilt und bei Streitigkeiten vermittelt), sind die Veranstalter überrascht, wie viele Studenten inzwischen zu den Turnieren kommen. Brachte man anfänglich kaum 50 Personen an die Tische, sind es nun regelmäßig zwischen 150 und 200.

Warnung der Sucht-Expertin

Wer nun glaubt, dass das Geld beim Pokern auf der Straße liegt, wird schnell sein Konto überziehen. Turnier-Spieler Hintershelmer empfiehlt dringend, nicht mit überzogenen Erwartungen an die Sache heranzugehen. Ernsthaft könne man das Spiel nur betreiben, wenn man sich intensiv mit Fachliteratur beschäftigt.

Isabella Horodecki, Leiterin des Therapiezentrums für Anonyme Spieler (AS), rät, sich stets ein zeitliches und finanzielles Limit zu setzen. Allzu leicht nämlich könne ein harmloses Hobby in eine handfeste Suchterkrankung umschlagen. Horodecki: „Spätestens dann, wenn man seine anderen Interessen zu Gunsten des Kartenspiels vernachlässigt, wird es gefährlich.“

DAS SPIEL. Five Card Draw bis Texas Hold'em

Poker entwickelte sich vermutlich im frühen 19. Jahrhundert in den USA. Damals wurde noch mit 20 Karten gespielt, heute besteht ein Deck aus 52 Blatt. Von Poker gibt es mehrere Varianten. Das aus Western-Filmen bekannte Five Card Draw ist wenig populär. Besonders beliebt ist Texas Hold'em.

http://de.wikipedia.org/wiki/Pokerwww. apsa.co.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2007)

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