Serben und Albaner sind in Schloss Weikersdorf „eingesperrt“, um einen Kompromiss zu finden. Vermittler Ischinger: Gespräche nach dem 10.12. sinnlos.
Baden. Kurz vor halb eins fährt ein schwarzer BMW vor dem Renaissance-Schloss Weikersdorf vor: Serbiens Präsident Boris Tadic ist der erste serbische Politiker, der Montagmittag am Tagungsort in Baden eintrifft. Bis Mittwochvormittag sollen Serben und Albaner noch einmal darüber verhandeln, wie der künftige Status des Kosovo aussehen wird. Chancen auf einen Kompromiss sind aber gering.
„Die serbische Seite war immer flexibel. Jetzt liegt der Ball bei den Kosovo-Albanern“, sagt Tadic, als er im hochgeschlossenen dunklen Mantel vor die Journalisten tritt. „Ich hoffe, dass wir uns auf eine Lösung einigen können, die sowohl für die Serben als auch für die Kosovo-Albaner akzeptabel ist.“ Sollte es keine derartige Einigung geben, drohe der gesamten Balkan-Region Instabilität.
Wie diese für alle „akzeptable“ Lösung aussehen soll, ist aus serbischer Sicht klar: Kosovo erhält weitgehende Autonomie, eine Eigenstaatlichkeit der Albaner-Provinz ist für Belgrad weiter völlig ausgeschlossen. „Substanzielle Autonomie ist die einzige Lösung“, stellt denn auch Serbiens Premier Vojislav Kostunica klar, als er bei leichtem Schneefall das Schloss betritt. Und er gibt sich kämpferisch: „Serbien ist ein demokratischer, souveräner Staat und wird nicht zulassen, dass auch nur ein Millimeter seines Territoriums weggenommen wird.“
Belgrad für Aland-Modell
Kostunica beschwört die UN-Charta, die eine Änderung von Grenzen ohne Zustimmung der betroffenen Staaten nicht vorsehe. Der Premier lobt sein Verhandlungsteam dafür, dass es immer wieder „neue konstruktive Ideen“ eingebracht habe. Die letzte war das sogenannte Aland-Modell. Die Aland-Inseln sind Teil Finnlands, haben aber einen großen schwedischen Bevölkerungsanteil und genießen einen autonomen Status.
Doch die Kosovo-Albaner denken nicht daran, eine solche Lösung zu akzeptieren. Das bekräftigt ihr künftiger Premier Hashim Thaçi im Innenhof des Schlosses: „Die Unabhängigkeit ist die einzige mögliche Lösung für Kosovo. Sie wird der ganzen Region Frieden und Stabilität bringen“, sagte er im Gespräch mit der „Presse“. Kosovos Eigenstaatlichkeit sei auch die beste Lösung für die USA und die EU. Nur für Serbien scheine das nach wie vor nicht akzeptabel zu sein. Thaçi erwartet deshalb nicht, dass in Weikersdorf ein Kompromiss gefunden werden könne.
„Serbien wird nicht zulassen, dass auch nur ein Millimeter seines Territoriums weggenommen wird.“
Serbiens Premier Vojislav Kostunica
Zuletzt hatte es Gerüchte gegeben, Wolfgang Ischinger, der EU-Vertreter der Vermittler-Troika (USA, EU, Russland), könnte einen „statusneutralen“ Kompromissvorschlag auf den Tisch legen. Das heißt, die Frage, ob der Kosovo unabhängig wird oder nicht, wird zunächst ausgespart. „Bisher haben weder Ischinger noch die Troika einen solchen Vorschlag gemacht“, sagt Thaçi: „Und ich hoffe, dass er auch nicht kommen wird. Es kann keinen neutralen Status für Kosovo geben.“
Am 10.Dezember läuft die Frist ab. Dann wird die Troika dem UN-Generalsekretär berichten. Thaçi und andere Politiker in Pristina haben klargemacht, dass das Kosovo-Parlament dann alles für eine Unabhängigkeitserklärung in die Wege leiten werde. Die Albaner setzen darauf, dass die USA einen Kosovo-Staat rasch anerkennen und ein Großteil der EU-Staaten bald nachziehen werde. Laut diplomatischen Kreisen sperren sich in der EU nur noch Zypern und Rumänien dagegen.
Doch am Montag wurde vorerst noch verhandelt. Die Gespräche auf Schloss Weikersdorf seien der „abschließende Versuch, beiden Parteien Gelegenheit zu einer Einigung zu geben“, sagte Ischinger. Ob er Anzeichen sehe, dass sich Serben und Albaner auf eine Einigung zubewegen, sodass es Sinn hätte, nach dem 10.Dezember weiterzuverhandeln? Ischingers Statement ist knapp und deutlich: „Meine Antwort lautet: Nein.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2007)