Allmacht der Gedanken:Wir erleben die Wiederkehr des Animismus in der Physik.
Von Wünschen und Wunschzetteln war letztens hier die Rede, nicht aber von den Wunschlosen, diesen unhandlichen Gesellen, die ganze Sippschaften durch ihr allweihnachtliches Credo brüskieren: „Mir braucht's nichts schenken, ich hab' schon alles!“ (Natürlich wären sie schwer verstimmt, wenn sie einmal wirklich leer ausgingen.)
Der para-buddhistische Volksglaube, dass Wunschlosigkeit Glück impliziere, nährt sich wohl auch aus der tiefen Angst vor den Wünschen: Man kennt die Märchen, in denen Eheleute einander Würste an die Nasen wünschen; den Fluch: „Alle deine Wünsche sollen in Erfüllung gehen!“ Man kann andere verwünschen, aber auch sich selbst, im Sinn von „das Falsche wünschen“, dann hat man sich verwünscht und ist womöglich verwunschen (ein Wort, auf das André Heller nur scheinbar das Alleinverfügungsrecht hat).
In der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, waren auch die bösen Wünsche, ja: alle Gedanken mächtiger in unserer Welt. Von der „Allmacht der Gedanken“ sprach Freud; heute scheint es manchmal, dass dieses animistische Weltbild aus der Frühzeit just in der avanciertesten Wissenschaft wiederkehrt: in der Physik.
Letzte Woche mutmaßte der angesehene Physiker Lawrence Krauss im New Scientist allen Ernstes, die „Entdeckung“ der – freilich bis heute völlig unerklärlichen und naturgemäß unbeobachteten – Dunklen Energie im Jahr 1998n.Chr. könne das gesamte Universum in einen Zustand geringerer „Lebenserwartung“ versetzt haben, als er davor herrschte.
Das muss man sich einmal genau durchdenken: Wann ist die fatale „Entdeckung“ passiert, durch die laut Krauss die Wellenfunktion des Universums kollabiert sein soll? Als die unscheinbaren Supernovas – auf deren allzu schwachem Schein die „Entdeckung“ beruht – erstmals detektiert wurden? Als die Fernrohr-Daten ausgewertet wurden? Als ein böser Blick eines Astronomen auf sie fiel? Als feststand, dass ihr Licht nicht zu ihrer Theorie passt? Oder als im Hirn eines Physikers die kosmische Idee keimte, dass da doch die alte Lückenbüßerin, Einsteins „größte Eselei“, das (von diesem so genannte) „kosmologische Kraftglied“, die heute so genannte „Dunkle Energie“ einspringen könnte?
Das würde bedeuten, dass ein einziger Gedanke dem ganzen All den Garaus machen kann. Gesamtweltliches Voodoo sozusagen.
Und wenn sich die Astronomen an den Supernovas vermessen hätten? Gilt dann der vermessene Gedanke trotzdem? Oder kann gar der Wunsch, eine Wellenfunktion möge kollabieren, alles zerstören?
Themenwechsel. Am achten Dezember, so will es eine Initiative diverser Vereine (z.B. „Greenpeace“) und Boulevardzeitungen (z.B. „Bild“), sollen möglichst alle Österreicher, Deutsche und Schweizer zeigen, dass sie guten Willens sind, das Klima auf Erden zu retten, indem sie für fünf Minuten das Licht abdrehen. Sogar im „Steirereck“ wird man fünf Minuten lang ganz auf armselig bei Kerzen dinieren! Und der österreichische Bundeskanzler hat bereits angeordnet, in allen Räumen des Kanzleramts das Licht zu löschen.
Ein Symbol, sagen sie, ein Zeichen. Hoffentlich denkt oder wünscht sich niemand was Falsches dabei. Man weiß ja nie...
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2007)