Die Auslage eines Shops ist wie die Verpackung eines Geschenks. Und deswegen wird In der Vorweihnachtszeit der Kitsch in den Schaufenstern immer öfter durch Kunst ersetzt. Ein Rundgang.
Berlin hat eines, Paris hat mehr und New York die meisten: Luxus-Kaufhäuser mit Tradition. Deren wichtigste Saison hat soeben begonnen: die Vorweihnachtszeit. Seit Mitte November glitzert und glänzt also die Weihnachtsdekoration in den Pariser Galeries Lafayette, im Berliner KadeWe und bei Bergdorf Goodman in Manhattan im Takt der lieblichen Adventmusik. Ein bisschen Kitsch gehört da natürlich dazu, allerdings wird der Kitsch mittlerweile immer öfter von Kunst abgelöst.
Im Berliner KadeWe, das heuer sein 100-jähriges Bestehen feiert, nimmt man die Schaufenster- Dekoration besonders ernst. Alle vier bis sechs Wochen werden die Auslagen komplett neu gestaltet, sagt Tanja Nedwig, Sprecherin des Berliner Kaufhauses. Aber in der Weihnachtszeit will man sich natürlich selbst übertreffen. Das heurige Motto lautet „Winterreise“. Da werden teils verschneite und weihnachtlich dekorierte Miniatur-Ansichten von großen Städten aus aller Welt ausgestellt. Das jeweilige Wahrzeichen der Stadt, also der Berliner Fernsehturm, der Londoner Big Ben und der Wiener Stephansdom, bilden die Kulisse für goldene Parfüm-Flakons, Lack-Pumps und edles Porzellan. Die Winterreise setzt sich dann auch im Inneren des KadeWe fort, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf den Auslagen liegt. Die sollen ja schließlich den Kunden anlocken. Ist man einmal drin, schaut man sich halt meistens nicht nur um, sondern kauft auch gleich etwas.
Geschmückte Schaufenster im Goldenen „U“
Wien hat zwar einige Kaufhäuser, ein großes, traditionelles Luxusdepartment fehlt der Stadt allerdings. Aufwendig geschmückte Schaufenster finden sich aber trotzdem. Und zwar meistens im „Goldenen U“ zwischen Kohlmarkt, Graben und Kärntnerstraße. Beim Taschentraditionalisten und Modelabel Louis Vuitton macht man diesen Winter Platz für die Kunst. Im Fenster. Und zwar in allen 328 Stores, die der französische Luxuskonzern weltweit betreibt – und damit auch in Wien. Nachdem die Marke schon sehr lange mit zeitgenössischen Künstlern, etwa mit Robert Wilson oder dem Dänen Olafur Eliasson, zusammengearbeitet hat, hat man sich in diesem Jahr dazu entschlossen, einmal jungen Nachwuchskünstlern eine Chance zu geben, die Weihnachtsfenster zu gestalten. Gewonnen haben den Louis Vuitton Christmas Window Design-Wettbewerb zwei Kunststudenten des Central Saint Martins College of Art and Design in London: der 21-jährige Ire Christopher Lawson und der 26-jährige Marcos Villalba. Und das, obwohl (oder vielleicht gerade weil) ihr Kunstwerk eigentlich gar nicht mehr viel mit Weihnachten zu tun hat.
Es heißt „Latitude 48.914/Longitude 02.286“ und gibt den exakten Breiten- und Längengrad des Geburtshauses von Louis Vuitton im Pariser Vorort Asnières an, in dem heute noch die Manufaktur beheimatet ist. Das Kunstwerk besteht gänzlich aus hellem Holz, das an das Leder erinnern soll, mit dem Louis Vuitton seine ersten Koffer und Taschen schneiderte, und stellt die Topografie einer Landkarte dar. Ein besonderes Anliegen war den beiden jungen Künstlern der länderspezifische Aspekt ihres Projekts, und so gleicht kein Ableger ihres Gesamtkunstwerks dem anderen. In jedem Schaufenster wird die exakte Topografie der Umgebung der jeweiligen Stadt abgebildet.
Für Villalba und Lawson ist es natürlich eine Ehre, ihre Arbeit in über 300 Geschäften veröffentlicht zu wissen, erzählen sie dem „Schaufenster“. Obwohl sie, wie sie sagen, selbst kein Stück von Louis Vuitton besitzen. Lawson gibt überdies zu: „Wenn ich etwas kaufen müsste, würde ich eine Tasche für meine Mutter kaufen, weil Louis Vuitton nicht ganz zu meinem Stil passt.“ Nur der Fußball, den das französische Label 1998 für die Fußball-WM in Frankreich gestaltete, hat es den beiden angetan. Konkrete Karriereziele haben sie auch schon. Marcos Villalba würde gerne die U-Bahn-Karte von Madrid neu designen und „genug Geld verdienen, um meine Integrität und meine kreative Freiheit behalten zu können.“ Lawson schwärmt hingegen davon, das Logo der Olympischen Spiele 2020, für die sich Dublin bewirbt, zu gestalten.
Tanzende Kirschen auf vereisten Ästen
Bei der Arbeit an dem Louis Vuitton-Projekt ließen sich die beiden nicht nur von Künstlern, wie Jackson Pollock, Saul Bass und Herb Lubalin, sondern auch von anderen Shop Window Designs inspirieren. Zum Beispiel von Hermès. Auch dort arbeitet man in Sachen Schaufenster-Deko seit Jahren mit Künstlern zusammen. Nicht nur zu Weihnachten. Es gibt jedes Jahr ein anderes Thema, das sich auch in den Auslagen widerspiegelt. Heuer ist das beispielsweise das Land Indien, im Vorjahr war es das „L‘année des dances“, das Jahr des Tanzes, erzählt der Eigentümer der Wiener Hermès Boutique am Graben, Florian Jonak. „Besonders aufwendig gestaltet war die Winterauslage im Vorjahr“, erzählt er. Die Pariser Designerin Mona Oren ließ in ihrem „Iced Garden Window“ rote Kirschen auf vereisten Ästen tanzen. Das ist Window-Shopping ohne Geld ausgeben.