Die Pisa-Studie stellt intelligente Aufgaben: den getesteten Schülern – und unserem Schulsystem.
Jetzt sind also Daten der heurigen Pisa-Studie „durchgesickert“, ja, so undicht sind die Kanäle der OECD! Die Aufregung ist groß, groß ist auch die Frequenz der Partei-Presseaussendungen – nicht nur, weil widersprüchliche Angaben über die Ergebnisse unsere Statistik-Kenntnisse einer harten Prüfung aussetzen. Mit einem Abflauen der Debatten-Intensität nach der offiziellen Veröffentlichung der Studie am Dienstag ist nicht zu rechnen, das Pisa-Fieber wird noch eine Zeitlang anhalten.
Und das ist gut so. Denn es geht um nichts weniger als unser Bildungssystem, das wir uns – zu Recht – viel kosten lassen. Genau deshalb ist Evaluierung, am besten im internationalen Vergleich, nicht nur berechtigt, sondern notwendig.
Aber ist die Pisa-Studie eine gute Form der Evaluierung? Hat man nicht schon so viel Kritik über sie gehört? Nun, keine so aufwendige Erhebungsmethode ist perfekt, und die öffentliche Debatte wird dazu beitragen, sie zu verbessern. Aber die – besonders von Vertretern der ÖVP – seit Wochen lancierten Argumente gegen die Pisa-Studie konnten bisher kaum überzeugen. Am ehesten stichhaltig scheint die Anmerkung, dass Schulsysteme in Ländern mit starker Zuwanderung vor relativ größeren Belastungen stehen.
Aber laut wurde vor allem der (mitunter etwas wehleidig vorgebrachte) Einwand, man könne doch nicht so unterschiedliche Länder „über einen Kamm scheren“, indem man allen Schülern einer Schulstufe in allen teilnehmenden (Industrie-)Ländern die gleichen oder gar dieselben Aufgaben stellt.
Warum nicht? Zumindest in den bisher „durchgesickerten“ Pisa-Aufgaben werden weder finnische Schüler über die Nebenlinien der Habsburger noch österreichische Schülerinnen über Geheimnisse des finnischen Tangos gefragt. Vor allem in den Naturwissenschaften – und die sind diesmal im Zentrum der Debatte – sind kulturelle Unterschiede vielleicht reizvoll, aber nicht wesentlich. Dass das Gravitationsgesetz in Österreich genauso lautet wie in Finnland, dass man einen logischen Syllogismus am Donaustrand genauso zieht wie an der Ostsee, ist eine „Gleichschaltung“, die man der Natur nicht wirklich vorwerfen kann.
Die meisten Pisa-Aufgaben prüfen überhaupt nicht spezielles Faktenwissen oder eingelernte Techniken. Sie sind viel intelligenter: Sie verlangen ein Verständnis der Denkweisen der Wissenschaften, sie sind dabei oft verblüffend „einfach“ zu lösen, nämlich ohne fachspezifische Methoden, ohne „Schema F“ aus dem Formelheft. Wer meint, dass solch kreativer Umgang mit Problemstellungen österreichischen Schülern weniger zuzumuten sei als „ausländischen“, vielleicht weil man „bei uns“ halt lieber Kochrezepte lernt, stellt unserer Nation ein unverdient schlechtes Zeugnis aus.
Ja, kann man überhaupt verlangen, dass die Schüler denken lernen, dass die Lehrer sie denken lehren? Selbstverständlich. Dazu sind die Schulen da. Das kann die Gesellschaft von ihnen verlangen, schon weil sie dafür zahlt. Übrigens kann die Gesellschaft, weniger pathetisch gesagt: können wir sehr wohl auch erfolgreiche Vermittlung von Faktenwissen verlangen. Das gilt besonders für die höheren Schulen. Dort wird man aus diesem Grund nicht um zentral erstellte Maturaaufgaben herumkommen. Es ist nicht akzeptabel, dass Absolventen eines Gymnasiums nicht wissen, woraus Proteine bestehen, welche Komponisten zur Wiener Klassik zählen oder wie der kategorische Imperativ lautet. Wer im Lehrplan nur schwammig das Erlernen von „Problemlösungskompetenzen“ vorschlägt, tut den Schülern nichts Gutes.
Der Schule auch nicht. Denn in einer Zeit, in der eine durchaus nicht laue Brise des Zeitgeists in Richtung Privatisierung öffentlicher Einrichtungen bläst, ist auch das öffentliche Schulsystem nicht sakrosankt. Es ist vor allem nicht vor Konkurrenz gefeit. Wenn die öffentlichen Schulen ihr Niveau nicht halten oder verbessern, werden Eltern, die – nicht unbedingt nur aus materiellen Gründen – auf Bildung Wert legen, versuchen, ihre Kinder in privaten Schulen unterzubringen. Wenn sie sich das Schulgeld leisten können. Genau dieses Szenario wäre das denkbar unsozialste für unser Bildungssystem. Unsozialer auch als die Teilung der Kinder ab einem Alter von zehn Jahren – gegen die einiges spricht, die aber wohl nicht das Übel schlechthin ist.
So konstruktiv Aufregung sein kann, Reform-Panik ist es nicht. In diesem Sinn tut es gut zu erfahren: So schlimm ist es gar nicht. Wir sind besser geworden. Und wir können noch besser werden. Pisa kann uns dazu interessante Hinweise geben.
Österreich verbessert sich beim Pisa-Test Seite 1
Beispiele für Testaufgaben Seiten 1, 2
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2007)