Auf Wählerfang mit dem „Netz“

(c) AP (Hans Punz)
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Internet. Politiker gestalten ihre Homepage nun nach dem Motto: Mehr Staat, weniger privat. Aktuellstes Beispiel: Der Bundeskanzler.

Wien. Seit Donnerstag kommt der Kanzler zu jedem Bürger nach Hause – wenn auch einstweilen nur via Computer: Alfred Gusenbauer will nun regelmäßig auf der Homepage www.bundeskanzleramt.at Video-Botschaften an das Wahlvolk richten. Sein Sozialminister Erwin Buchinger schwört hingegen schon seit Jahresbeginn auf seinen Weblog. Doch auffällig ist, dass sich seine Einträge auf der Homepage in letzter Zeit sehr stark um Arbeitsthemen drehen. Ein Kontrast zu den Anfangsmonaten: Im Februar erfuhr man etwa noch, wann Buchinger die Bügelwäsche erledigt – und dass der Minister auf der Skihütte gerne mal einen Germknödel bestellt.

Möglicher Grund für den Wandel des Weblogs: Der Koalitionspartner ÖVP beschwerte sich Anfang November darüber, dass Buchinger Privates auf Kosten der Steuerzahler ins Netz stellt. Allerdings: Auch die schwarze Reichshälfte ist beim Thema Weblog längst auf den Geschmack gekommen: So erklärt uns Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka auf seiner (freilich ebenfalls von seinem Ressort betriebenen) Homepage, warum Wettklettern olympisch werden sollte. Und ÖVP-Bundesgeschäftsführerin Michaela Mojzis legt in ihrem Weblog ein trauriges Geständnis ab: „Ich hab schon ewig keinen Brief, ich meine einen echten Brief, bekommen. Einen Brief, mit dem mir jemand was persönlich sagen mag.“ Aus ihrer privaten Anekdote schließt Mojzis aber dann doch gleich wieder auf die Politik: So sei es eine gute Idee gewesen, das ihr Parteichef Wilhelm Molterer den Lehrern einen Brief geschrieben hat.

„Homepage unverzichtbar“

Aber ist es wirklich nötig, im Kampf um Wählerstimmen auf einen Internet-Auftritt zu setzen? „Die Eigendarstellung auf der Homepage ist unverzichtbar“, lautet die klare Antwort von OGM-Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer: Ein Weblog biete die Gelegenheit, losgelöst von Kritik die eigene Sichtweise unterzubringen. Das Um und Auf sei dabei eine ständige Aktualisierung der Homepage. Überdies biete ein Internet-Auftritt auch die Möglichkeit, den Menschen hinter dem Politiker hervorzukehren. Mit dem Preisgeben von Privatleben sollte man aber auf längere Sicht vorsichtig umgehen, rät Bachmayer. So seien generell Politiker, die wenig Show liefern – etwa Außenministerin Ursula Plassnik – in der Bevölkerung sehr populär.

Überhaupt sucht man momentan vergeblich nach Politikern, die sich im Stile eines Karl-Heinz Grasser im Internet inszenieren. Auch besonders „transparente“ Politiker wie der einstige FPÖ-Mandatar Elmar Lichtenegger finden sich nicht mehr im Nationalrat: Denn Lichtenegger posierte sogar nackt.

Kampf um die Jüngsten

Dafür beginnt der Internet-Kampf um Wählerstimmen jetzt bereits bei den Kindern. Auf www.kanzler4kids.at bekommen junge Fans von Alfred Gusenbauer zwar keinen Weblog zu sehen – aber dafür Antwort auf die brennende Frage: „In welche Schule muss man gehen, um Bundeskanzler zu werden?“ (Antwort: „Es gibt keine Schule für Bundeskanzler.“).

Doch nicht immer geben Politiker im Internet bewusst ihre Ansichten preis: So sorgten Jungpolitiker durch ihr im Studenten-Netzwerk StudiVZ angelegtes Persönlichkeitsprofil für Aufregung. Bei dieser Internetseite können sich Studenten bestimmten Meinungsgruppen anschließen. Dadurch weiß man nun, dass die Vize-Chefin der Sozialistischen Jugend, Sandra Breiteneder, Kärnten an Slowenien abtreten möchte. Und Samir Al-Mobayyed, Chef der ÖVP-nahen Studentenfraktion Aktionsgemeinschaft, ließ die Frauenwelt wissen, dass „Gendern fürn Arsch ist“.

POLITIK ZUM ANKLICKEN

www.erwin-buchinger.atwww.mojzis.oevp.at
www.
lopatka.at
www.
kanzler4kids.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2007)

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