Akademietheater. „Die Probe“: gekonnt gespielte Zeitgeist-Tragödie des jungen Autors Lukas Bärfuss – starke Schauspieler, tolle Bühne und ziemlich einfallsreiche Regie.
Ganz exaltiert tritt Peter Korach (Dietmar König) auf die Bühne, beschimpft seine abwesende Kleinfamilie auf das Gröbste. Nach wenigen Sätzen weiß man, Agnes (Sabine Haupt) hat Peter einen Balg unterschoben. Ein Vaterschaftstest, den Peter durchführen ließ, beweist, der Sohn ist nicht von ihm. Franzeck (Roland Koch), ein Mitarbeiter von Simon Korach (Michael König), hat dessen Sohn Peter diesen Floh ins Ohr gesetzt. Kalt nimmt Korach senior den Zusammenbruch des Betrogenen zur Kenntnis. Er ist vor allem damit beschäftigt, sich die Füße zu baden oder den lokalen Wahlkampf gegen den ewigen Konkurrenten und Sieger Gruber zu planen.
Der Karriere-Vater und der retardiert wirkende Sohn, Mutters Liebling, der einmal nur auszuckt: Ein Familienskandal ist das letzte, was dieser berechnende, perfekt gespielte Patriarch Simon braucht. Mit seiner gefährlichen Ruhe kontrastiert er den irren Auftritt Peters, auch die hohe, antikisierende Sprache ist ein reizvoller Gegensatz. Dietmar König macht das sehr gut. Er spielt die beiden Ebenen mit Raffinesse. Auch das tolle Bühnenbild (Raimund Bauer) spiegelt die unausgeglichene Seelenlage wider. Im rechten Teil befindet sich ein altmodisches, braunes Arbeitszimmer mit Laptop, Regal, Familienfotos, symmetrisch ist dieses Ensemble links auf schiefer Ebene wiederholt. Die beiden Hälften sind durchlässig und spiegeln sich matt an der gläsernen Rückwand.
Fast wie „Desperate Housewives“
Regisseur Nicolas Brieger spielt am Freitag bei der Erstaufführung am Akademietheater routiniert mit dieser Durchlässigkeit und den Reflexionen des Textes von Lukas Bärfuss. Der Autor hat in „Die Probe (Der brave Simon Korach)“ ein Weltliteratur-Thema in eine zeitgemäße, leichte, leicht durchschaubare Form gebracht. So ist keine große Tragödie entstanden, aber ein passables Stück, das im skurrilen Wortwitz beinahe an gelungene Episoden von „Desperate Housewives“ heranreicht. Die Frauen tragen im Gegensatz zu den leicht berechenbaren Männern das große Geheimnis. Haupt spielt die verzweifelte junge Mutter. Das ist keine besonders dankbare Rolle, sondern eine, in der man nach dem Tode des Gatten zerschmettert unter dessen Sargdeckel liegt. Als eine Witzfigur. Barbara Petritsch hingegen brilliert in der Rolle von Peters Mutter: Helle ist wegen der Turbulenzen kurzfristig von einem Indien-Trip zurückgeholt worden – sie ist jenseits der aufgesetzten Esoterik-Attitüde die abgebrühte Variante einer Kuckucksfrau, behandelt Ehemann, Sohn und Schwiegertochter mit einer souveränen, menschenverachtenden Fürsorge.
Der Intrigant und sein Meister
Ebenso gekonnt bietet Koch einen aberwitzigen Kotzbrocken von politischem Berater, der jenseits der alltäglichen Intrigen davon träumt, vom braven Simon adoptiert zu werden. Ein wunderbares Spiel, der Gegenentwurf zur enttarnten falschen Vaterschaft – das dankbare falsche Kind. Doch dieser als geheilt geltende Alkoholiker findet seinen Meister. Der falsche Simon ist eine verachtenswerte Figur, die eine furchtbare Strafe ereilt. Die Politik frisst ihre Kinder, jeder Vaterschaftstest ist also nicht nur ein privater, sondern auch ein öffentlicher Akt.
Langsam wird es dunkel auf der anfangs so klaren, hellen Bühne. Der Tod des Sohnes lässt den Vater die Wahl gewinnen. Wahlsieger! Wer kennt sie nicht, diese schäbigen, abgekämpften, versoffenen Gesichter, die nach Eintrudeln der ersten Hochrechnungen aus der Glotze grinsen, umrahmt von den miesen, die Zähne bleckenden künftigen Vatermördern. Insofern ist die schicke Thematisierung der Genetik und ihrer zweifelhaften Errungenschaften nur ein Ablenkungsmanöver. Der talentierte Herr Bärfuss hat auch eine Polit-Satire geschrieben. Am Ende des flotten zweistündigen Spiels, in dem die Schauspieler akrobatische Leistungen vollbringen, sind alle Beteiligten zumindest beschädigt, wenn nicht tot. Allein das fordernde Kindergeschrei von den Gängen des Theaters hebt an wie eine Erinnerung an mehr Menschlichkeit.
ERSTAUFFÜHRUNG: L. Bärfuss
„Die Probe“ hat als Ausgangspunkt einen DNA-Test zur Vaterschaft, er führt zur Zersetzung einer Familie. Das Stück kam im Akademietheater am Freitag erstmals in Österreich zur Aufführung.
Die nächsten Termine: Am 4. und 11. Dezember um 20 Uhr, am 27. und 29. Dezember um 19 Uhr, am 8., 16. und 19. Jänner 2008 um 20h. www.burgtheater.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2007)