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Wild West am Mariahilfer Gürtel Schaukämpfe vor Klinik

Lokalaugenschein: Wie sich Abtreibungsklinik gegen Demonstranten wehrt.

WIEN(jule). Hinter den Scheibenwischern parkender Autos entlang des äußeren Mariahilfer Gürtels stecken knallblaue Zettel. „Schwanger? Verzweifelt? Wir helfen Dir!“ ist darauf gedruckt.

Ein Mittvierziger mit Brille und Fellhaube hat vor dem „Gynmed Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch“ Stellung bezogen. Vor seinem Rücken und vor seinem Brustkorb hängt ein Plakat mit dem Foto eines ungeborenen Babys. Passantinnen drückt er einen Zettel und einen kleinen Plastikembryo in die Hand. Er ist Vertreter von „HLI Österreich“ (Human Life International), einem Verein von Abtreibungsgegnern.

„Lebensschützer“ nennen sich die Mitarbeiter der Gruppe selbst. Christian Fiala, Betreiber der Gynmed-Klinik, spricht hingegen von radikalen religiösen Demonstranten, vor denen er seine Patientinnen schützen muss.

Seit drei Jahren beschäftigt er Schauspieler, die die HLI-Aktivisten ablenken und den Frauen einen ungestörten Weg in die Klinik ermöglichen sollen. „Die psychische Gewalt neutralisieren“, nennt das Fiala. Und zwar ohne dabei die Aktivisten zu berühren, betont er. Die Bilder, die auf der Internetseite gloria.tv veröffentlicht wurden und zeigen, wie die HLI-Demonstranten körperlich belästigt wurden, seien „bedauerliche Ausnahmen“.


„Ich sag gar nichts“

Ein Mädchen springt dick vermummt auf dem Gehsteig herum, immer dem HLI-Demonstranten auf der Spur. Will er die Hand heben, um einen Zettel zu verteilen, blockt sie ihn wie beim Basketball-Spiel. Weicht er aus, geht sie ihm nach. Minutenlang stehen die beiden und starren einander an.

Was sie ihm dann so erzähle? „Ach, ich sag gar nichts, ich mach genau das, was er auch macht“, schildert sie. Einer ihrer Kollegen einige Meter weiter schießt Fotos mit der Digitalkamera. Die HLI, so Fiala, sei perfekt organisiert. Es gebe offenbar Dienstpläne, sie seien nur zu den Öffnungszeiten vor Ort. Und die Aktivisten bekämen sogar Unterstützung durch einen Coach aus den USA.

Drei Mal pro Woche stehen je zwei Schauspieler vor Fialas Klinik. Wie viel das kostet, will er nicht sagen. Aber kostspielig sei es auf jeden Fall. „Vor allem ist es aber völlig absurd, dass ich als Arzt für die Sicherheit meiner Patientinnen sorgen muss. Wir sind ja nicht im Wilden Westen!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2007)