1,4% Quotenverlust wegen Digitalisierung, 3,6% wegen neuen Programmschemas.
Am Sonntag ließ ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im Gespräch mit der „Presse“ die Katze aus dem Sack: Er wird dem Stiftungsrat eine Gebührenvalorisierung im Ausmaß von sieben bis zehn Prozent (1 bis 1,50Euro mehr pro Monat) vorschlagen. Vor dem Publikumsrat, der am Montag im ORF-Zentrum tagte, begründete der ORF-Chef diesen seiner Ansicht nach unumgänglichen Schritt damit, dass der ORF durch die Digitalisierung einen „externen Schock“ erlitten habe.
„Wir haben heuer eine der dramatischsten Veränderungen in der Geschichte des Unternehmens zu bewältigen“, meinte Wrabetz vor dem Gremium, das die Interessen der Hörer und Seher vertritt. Daran besteht kein Zweifel: Dass innerhalb eines Jahres (10/06 bis 10/07) die Zahl der digitalen Sat-Anschlüsse von 22 auf 33Prozent der TV-Haushalte angestiegen ist und der ORF nun 63 Konkurrenzprogramme „unter Anführungszeichen in Schach zu halten“ hat (Wrabetz), kann nicht ohne Auswirkungen auf die Marktanteile bleiben. Dass die Digitalisierung aber den Löwenanteil der Quotenverluste verursacht, wie der ORF es gerne darstellt – dem wird in der Branche unter Berufung auf den Teletest vehement widersprochen: Hauptverantwortlich für den Terrainverlust des ORF sei die Programmreform, heißt es in gut informierten Kreisen.
Analog-Kabel-Haushalte nicht digitalisiert
Das lässt sich anhand der Marktanteile ablesen, die der ORF bei jenen Zusehern hat, die vor und nach der Reform mit einem analogen Kabel-Anschluss ausgestattet waren – die also von der Digitalisierung überhaupt nicht betroffen sind. Dort soll der ORF Verluste zwischen 3,5 und 4Prozent verzeichnet haben. Mit den Zahlen vertraute Branchenexperten sind daher der Ansicht, dass zirka 3,6Prozent der Quotenverluste der Programmreform anzulasten sind, weitere 1,4Prozent der Digitalisierung. Einschließlich November lag der Marktanteil der beiden ORF-Programme bei durchschnittlich 39,45Prozent. Die Auswirkungen sind für den ORF fatal: Derzeit fährt das öffentlich-rechtliche Unternehmen mit einem Werbepreis von 51Euro je tausend Seher-Kontakte (Tausend-Kontakte-Preis) im Vergleich zur Konkurrenz eine Hochpreispolitik: 25Euro sind es laut Wrabetz bei ATV, 18Euro im RTL-Werbefenster, 15,4Euro bei ProSiebenSat1. „Noch“ sei es so, dass der ORF bei 36,1Prozent Marktanteil (in der Zielgruppe der 12- bis 49-Jährigen) einen Anteil am TV-Werbemarkt von 58,9Prozent hat.
Auch Werbemarktanteil wird 2009 sinken
Aber: „Wir müssen davon ausgehen, dass es spätestens 2009/2010 auch zu stärkeren Verschiebungen im Werbemarktanteil des ORF kommt“, so Wrabetz. Dazu gibt es noch schwer einbremsbare Personalkosten (die Betriebsräte haben wegen der geplanten Nichtnachbesetzung von 250 Stellen über drei Jahre für Mittwoch eine Betriebsversammlung anberaumt), Kosten für die Einführung neuer Technologien (Stichwort: HDTV) und auch die Mehrausgaben für Euro '08 und Olympia, die der ORF nur teilweise zurückverdienen kann – was letztlich in eine Gebührenerhöhung mündet.
Vom Publikumsrat wurde Wrabetz dafür am Montag kritisiert: Der Vorsitzende des Programmausschusses, Andreas Kratschmar, bezeichnete diese als „eine Unverschämtheit gegenüber dem Publikum“: „Wofür sollen wir mehr zahlen? Für sportliche Einmal-Ereignisse, amerikanische Serien, eine missglückte Programmreform?“ Gespräche der Vertreter verschiedener Fraktionen im Publikumsrat soll es bereits gegeben haben. Fazit: Wrabetz muss, wenn er im Stiftungsrat eine Mehrheit findet, damit rechnen, dass der Publikumsrat die Gebührenerhöhung bei seiner Sitzung am 28.Jänner nicht genehmigt. Dann müsste der Stiftungsrat einen Beharrungsbeschluss treffen.
Unter Beschuss geriet am Montag auch ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser: Warum er selber so oft moderiere, zuletzt „Im Zentrum“ am Sonntag? Er sei, verteidigte sich Oberhauser, nicht erpicht darauf zu moderieren, und diesmal „aus einer Notsituation heraus“ eingesprungen. Das Gremium beriet später eine „Empfehlung zur ORF-Information“: Man erwarte von der Geschäftsführung eine „Stärkung der Meinungsvielfalt, unter anderem durch zusätzliche Diskussionsformate“ und eine „interne journalistische Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung“. Die Empfehlung wurde angenommen – einstimmig.
TESTGRUPPE: Kabelhaushalte
Jene österreichischen Haushalte, die den ORF via analogen Kabelempfang beziehen, sind von der Digitalisierung gar nicht betroffen. An ihren Marktanteilen lässt sich ablesen, dass sie seit der Programmreform im April um 3,6Prozent weniger ORF sehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2007)