Maria Schraders Regiedebüt „Liebesleben“ strotzt vor schönen Bildern und kaputten Familien. Ab Freitag.
Die junge Bibelwissenschaftlerin Jara (Netta Garti) will mit ihren Eltern den sechzigsten Geburtstag des Vaters Leon (Stephen Singer) feiern. Sie deckt den Tisch in einem Garten mit Ölbäumen, mit Blick auf die Altstadt Jerusalems. Der Wind weht, die Sonne sinkt, die Eltern bleiben aus. Frohe Erwartung in dem jungen Gesicht der Frau weicht der Enttäuschung. Jara hört Sirenen, in Panik rennt sie zum Elternhaus. Dort öffnet ihr ein Unbekannter. Arie (Rade Sherbedgia) ist ein Jugendfreund des Vaters und der Grund für das geplatzte Familienessen. Die Mutter Hannah (Tovah Feldshuh) stellt sich krank und zeigt unverhohlen Aggression gegen den unerwarteten Gast.
Eine alte Liebesgeschichte? Eine alte Geschichte, die ihre Fortsetzung in einer jungen Amour fou findet. Jara verfällt dem geheimnisvollen Jugendfreund der Eltern, sie verrät ihren netten Ehemann Joni (Ishai Golan), mit dem sie eine nette Wohnung in einem netten Viertel eben erst bezogen hat.
Zu dritt im Bett des Paschas
Den künftigen Mann in ihrem Leben spürt sie in einer Boutique auf, dort kommt es zum erotischen Vorspiel. Sie begegnet ihm a tergo in einem quicken Liebesakt in einer herrschaftlichen Wohnung, die noch gar nicht richtig bezogen ist. Das ist flüchtiger Sex und zugleich Liebe auf der Flucht. „Du bist so hungrig, und ich bin so satt“, sagt der Vaterersatz. Das reicht als Attraktion. Die nächste Zusammenkunft gibt es bei einem Ausflug nach Akko. Die beschwipste Jara wird nach einem Imbiss in einem halb zerfallenen Hotelpalast (früher residierte dort der Pascha) von Arie genommen, vor den Augen seines Freundes, des Richters Nathan (Arie Moskana). Der, ebenfalls ein Bekannter des Vaters, darf auch ein bisschen mitmachen.
Gefangene im Schlafzimmer
Wieder erwacht, ernüchtert, flüchtet sie erst einmal voll Abscheu. Beinahe kommt es zur Aussöhnung mit Joni. Er hat einen Trip nach Istanbul für verspätete Flitterwochen besorgt – zu spät allerdings, denn es genügt ein Anruf von Arie, um Jara wieder zurückzupfeifen. Bald ist Arie Witwer, die komplizierte Vorgeschichte kommt mit dem Tod seiner Frau langsam ans Licht. Das Liebesleben wird härter. Nach dem Sex sperrt Arie seine junge Geliebte ins Schlafzimmer, sie bleibt dort während der Trauerfeier für Josefine (Caroline Silhol) im Nebenraum, die auch Jaras Eltern besuchen.
Wie findet man da raus? Nun, Jara, die zuweilen Tagträume plagen, in denen sie erlegtes Wild oder Unfallopfer ist, befreit sich schließlich, und Regisseurin Maria Schrader weist dem Zuseher hilfreich mittels kräftiger Symbole den Weg. Wenn die schöne junge Frau nicht mehr weiterweiß, blickt sie im Dom zur gläsernen Kuppel und sieht dort einen hilflos gefangenen Vogel. (Er wird sich schließlich am Ende befreien.) Wenn sie Arie zum ersten Mal aufsucht, tänzeln gefährliche Bienen auf der Gegensprechanlage. Die Mutter, mit dem früheren Freund konfrontiert, verletzt sich übel an der Hand; als Jara dem geheimnisvollen Mann nachläuft, läuft ihr eine Katze nach und verendet unter einem Auto.
So schmerzhaft kann die Liebe sein. Und so entwürdigend. Als ihr Vater sie bei der Trauerfeier nackt in der Dusche des Freundes entdeckt, flüchtet er panisch. Er durchnässt dabei sogar seine Hose. Kein Wort aber verliert er darüber danach gegenüber seiner Tochter. Er wahrt den Schein.
Meist dominieren in diesem ernsten, schönen Film Bilder bezaubernder Landschaften und raffiniert verfallener Häuser. Auch die Schauspieler sind charaktervoll oder sogar schön, sie vermitteln in ihrer Zurückhaltung, ihrer Angriffslust, ihren Anfällen von Kälte und Leidenschaft ein echtes Familiendrama mit all seinen Lebenslügen.
Zart und zügellos zugleich
Jaras Eltern haben ausgeblendet, wie es zur wichtigsten Entscheidung in ihrer Jugend gekommen ist, die Tochter aber stellt sich dieser verkorksten Geschichte. Sie entscheidet sich gegen die Familie und für die Liebe, so sonderbar ihre Erscheinungsform auch wirken mag. Liebesleben ist in dieser Hinsicht ein Entwicklungsroman. Im Gesicht der Hauptdarstellerin Netta Garti kann man diese Überwindung ablesen, sie wirkt zugleich zart und energisch, scheu und dann wieder zügellos. Am Schluss besiegt Jara, die Angst vor dem Busfahren hat, diese Phobie. Noch einmal greift Regisseurin Schrader in den großen Koffer der Symbole. Es strahlt der Himmel über Jerusalem.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2007)