Einmal gut, immer gut?

EVIDENZBASIERTE MEDIZIN. Ein Grazer Institut will Licht in den Medikamentendschungel bringen. Und damit Ärzten und Patienten die Entscheidung für ein Präparat erleichtern.

Graz. Wenn ein Arzt einem Patienten ein Medikament gegen Bluthochdruck verschreibt, weiß der Patient selten, auf welchen Faktoren die Entscheidung des Arztes für genau dieses Medikament beruht. Kann es sein, dass ein Arzt einfach das Medikament verschreibt, das ihm der Pharma-Referent wärmstens empfohlen hat? Oder hat er wissenschaftliche Fakten herangezogen, um aus einer Bandbreite von ähnlich wirksamen Medikamenten, das passendste herauszufinden?

Solche Fragen beschäftigen viele Menschen. Das Zentrum für „Evidenzbasierte Medizin“ (EBM) in Graz versucht, ihnen nachzugehen, indem es die wissenschaftlichen Nachweise bündelt und bewertet. Keine leichte Aufgabe: Das gesamte medizinische Wissen verdoppelt sich derzeit alle fünf Jahre, wobei einzelne Fachgebiete eine sehr viel stärkere Dynamik aufweisen. Man kann die Arbeit des EBM-Zentrums der Med-Uni Graz mit Tests des Konsumentenschutz-Vereins oder der „Stiftung Warentest“ vergleichen – die Ergebnisse nutzen Patienten, aber auch Ärzten. Denn auch die sind zunehmend überfordert, mit dem wissenschaftlichen Fortschritt Schritt zu halten.

Zu wenig Langzeitstudien

Natürlich wird jedes Medikament vor seiner Zulassung in mehreren Phasen geprüft. Nach Labortests an Tieren wird es an freiwilligen gesunden Menschen getestet, dann an freiwilligen Kranken (die in der Regel Geld dafür bekommen), dann müssen klinische Studien an Kranken durchgeführt werden – es vergehen Jahre, bis ein Medikament zugelassen wird. Doch was passiert dann? Wenn ein Produkt einmal auf dem Markt ist, nimmt es dort so schnell keiner mehr weg. Meist gibt es auch nicht genügend Studien, die die Langzeitwirkungen neuer Medikamente beurteilen.

Jüngster Fall, der zu einem Aufschrei in den Medien führte: Die Erkenntnis, dass viele Hustensäfte für Kinder entweder nicht effektiv sind oder in hoher Dosierung schädlich wirken können. Es handelte sich um clobutinolhaltige Medikamente, die rezeptfrei gegen Reizhusten eingesetzt wurden. Seit 40 Jahren wurden die Präparate verwendet, im Oktober diesen Jahres vom Markt genommen. „Wir würden uns natürlich wünschen, dass Langzeitstudien nach der Zulassung eines Medikamentes verpflichtend sind“, sagt Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Leiterin des EBM-Zentrums.

Aber auch Langzeitstudien, die als Nachbeobachtungen ablaufen, haben nicht immer einen unabhängigen Hintergrund: Oft bezahlen Pharmafirmen die Ärzte dafür, ihre Medikamente in Nachbeobachtungen zu bewerten.

Publikationen liefern Grundlage

So richtig unabhängig kann man nur arbeiten, wenn man sein Geld nicht von einer Pharmafirma bezieht. „Unser Zentrum finanziert sich auftragsbezogen über Drittmittel, die zum Teil aus Aufträgen von Krankenkassen, vor allem aber vom deutschen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) stammen, für das wir regelmäßig Nutzenbewertungen verschiedener Medikamente durchführen“, berichtet Siebenhofer-Kroitzsch.

Und wie sehen solche Bewertungen aus? „Wir durchforsten wissenschaftliche Datenbanken nach themenrelevanten Publikationen, um uns einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu verschaffen. Alle verfügbaren Studien – etwa über Insulin-Analoga (das sind synthetische Stoffe, die dem Insulin nachgebaut sind und ebenfalls blutzuckersenkend wirken, Anm.) – fließen in die Bewertung ein.“

Wie verlässlich ist die Studie?

Die Verlässlichkeit, die einzelnen Studienergebnissen bei der Prüfung zugemessen wird, hängt von mehreren Parametern ab. Etwa: Gab es unabhängige Kontrollgruppen? War die Stichprobe groß genug? War die Laufzeit der Studie lang genug? Wurden Vergleiche zu bisherigen Standardtherapien (z.B. zu herkömmlichem Human-Insulin im Falle der Insulin-Analoga) gezogen?

„Schlimm ist, wenn Medikamente verwendet werden, zu denen es keine Studien hinsichtlich eines patientenrelevanten Nutzens – einer Lebensverlängerung oder einer Verbesserung der Lebensqualität – gibt“, meint die Grazer Wissenschaftlerin und Oberärztin.

Das Ergebnis aller Einzelbewertungen wird nach vielfacher Gegenkontrolle in einem Bericht zusammengefasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – meist über die Institution, die den Auftrag erteilte. So stehen Berichte über Medikamente zur Behandlung von Diabetes mellitus auf der Homepage des Auftraggebers (IQWiG, www.iqwig.de) zur Ansicht bereit.

Behandlungspfade festlegen

Das Team des EBM-Zentrums wird aber nicht „nur“ zur Medikamentenbewertung, sondern auch zur Erstellung von Behandlungspfaden beauftragt. Behandlungspfade legen die optimale Abfolge und Terminierung der wichtigsten Interventionen (Untersuchungen, Behandlungen) fest, die bei der Versorgung eines Patienten mit bestimmter Diagnose durchzuführen sind. Sie helfen vor allem, Maßnahmen verschiedener Fachgebiete zu koordinieren.

Die Gebietskrankenkasse Steiermark hat auf Basis eines solchen Behandlungspfades etwa ein „Disease-Management-Programm“ (DMP) für Patienten mit Typ-2 Diabetes mellitus entwickelt. Durch Schulungen und regelmäßige Besuche beim betreuenden Arzt sollen sie lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Das Programm liefert aber auch Leitfäden für Ärzte: Es enthält neueste Erkenntnisse zur Krankheit, vermittelt Wissen zu Diagnose und Therapie und weist auf Begleit- und Folgekrankheiten hin.

Auf die Frage der „Presse“, ob Ärzte es gerne sehen, dass Patienten vorinformiert in die Praxis kommen, muss Andrea Siebenhofer-Kroitzsch schmunzeln: „Heutzutage sollte es eigentlich kein Augenverdrehen mehr geben, wenn der Patient mit guten Informationen über seine Krankheit auf den Arzt zugeht. Wir bilden Ärzte genau dahingehend aus, dass sie die hierarchischen Strukturen ablegen und Patienten als gleichberechtigt betrachten. Ärzte, die das Wesen der evidenzbasierten Medizin verstanden haben, schätzen die Entscheidungen, die sie gemeinsam mit gut informierten Patienten treffen können. Wir wollen ja weg von der rein expertenbasierten Medizin.“

www.meduni-graz.at/ebm("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2007)

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