Pflanzen für das Klima

NACHHALTIGKEIT. Landschaftsarchitektinnen der Boku wollen Parks planen, die auch noch in Jahrzehnten klimatischen und sozialen Anforderungen genügen.

WIEN. Man kann ihnen nicht vorhalten, dass sie nichts für die Nachhaltigkeit täten. Lilli Licka, Leiterin des Instituts für Landschaftsarchitektur der Boku Wien, und Stephanie Drlik, Dissertantin des Doktoratskollegs für Nachhaltige Entwicklung, versuchen, in ihrer Forschung praktisches Wissen über nachhaltige Gestaltung von Grünflächen und Freiräumen im Stadtgebiet mit dem theoretischen Wissen von Modellrechnungen zu verbinden. „Es gibt ein reiches, aber eher verstreutes praktisches Wissen der Gartenämter, wie man auf Veränderungen der Ansprüche bei Parks reagiert“, meint Licka.

Ziel der Arbeitsgruppe ist es, das Wissen zusammenzutragen und Ansätze und Grundsätze für die nachhaltige Gestaltung in der Stadt zu entwickeln. „Ein Ausspruch, der die Stadt beschreibt, ist: ,Der Außenraum der Gebäude ist der Innenraum der Stadt‘“, so die Landschaftsarchitektin.

Bei der Gestaltung von Freiflächen geht es um Prioritätensetzung: Wie soll man entscheiden, ob es wichtiger ist, einen Park repräsentativ zu gestalten oder leicht nutzbar und zugänglich für Aktivitäten? Welchen Personenkreis soll der Park ansprechen? „Es gibt ja nicht ,die Wiener‘ als einheitliche Gruppe“, so Licka. „Jede Altersgruppe und kulturelle Gruppe hat unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen. Auch die zeitliche Abfolge der Nutzung ist über den Tag unterschiedlich.“

Und so scheint es klar, dass z.B. für den Volksgarten andere Prioritäten gesetzt werden müssen als für den Yppenplatz. An der Liste der Auftrags- und Geldgeber sieht man, bei wie vielen die Nachhaltigkeit hohe Priorität hat: beim Lebensministerium, beim Land Steiermark, bei der Stadt Wien, beim Amt der Niederösterreichischen Landesregierung etc.

Frauen-Park im Fünften

Zum Thema Yppenplatz zeigen die Wissenschaftlerinnen Bilder, die verdeutlichen, dass dieser verschiedenen Interessens- und Altersgruppen der Erholung dient, obwohl sehr wenig Grünfläche zur Verfügung steht. Die Anforderungen wurden in einem Beteiligungsverfahren ermittelt. Als Beispiel einer grünen Oase mit altem Baumbestand und Wiesen dient der Bruno-Kreisky-Park, eine der größten Freiflächen des fünften Bezirks. Hier wurde Übersichtlichkeit geschaffen – unter anderem durch die Entfernung des Fußballkäfigs, um besonders die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen zu berücksichtigen.

Die Forschungen sollen die Frage lösen, wie man Nachhaltigkeit in der Landschaftsarchitektur umsetzt – obwohl sich einerseits die Ansprüche der Gesellschaft rasch ändern, und andererseits auch das Klima einen Wandel durchmacht. Die Schwierigkeit liegt darin, mit der Unvorhersehbarkeit der Änderungen umzugehen und zugleich jeder Parkanlage einen dauerhaften Grundcharakter zu verleihen. „Ein veränderter Anspruch der Gesellschaft ist zum Beispiel, dass immer mehr ältere Menschen in der Stadt leben. Damit hat man in Wien vor einigen Jahrzehnten nicht gerechnet. Da dachte man, durch den Zuzug wird sich die Stadt eher verjüngen.“

Um wenigstens die Klimaveränderungen vorhersehbarer zu machen, entsteht die Dissertation von Stephanie Drlik in Zusammenarbeit mit dem Institut für Meteorologie der Boku. Die Arbeitsgruppe von Helga Kromp-Kolb ermöglicht Modellrechnungen zum Stadtklima und auch zum Mikroklima einzelner Parkanlagen. „Prognosen zum Klimawandel beziehen sich meist auf globale Modelle in einer Größenordnung, in der einzelne Regionen Österreichs durchs Netz fallen, der Raster ist zu grobmaschig“, erklärt Drlik. Um ein lokales Modell für die Stadt Wien zu erhalten, werden Daten der Region einbezogen und globale Modelle über „downscaling“ angepasst. Für das aktuelle Projekt ziehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Messdaten seit 1980 heran und erstellen Modelle, die das Stadtklima bis in die Jahre 2040 bis 2050 vorausrechnen. „Man kann davon ausgehen, dass in der Region Wien mehr aufeinanderfolgende Hitzetage und somit heißere Sommer kommen werden. Die Winter scheinen milder und feuchter zu werden, mit weniger Frosttagen, obwohl die absoluten Tiefsttemperaturen sich nicht verändern werden“, so Drlik.

Urbanisierung nimmt zu

Das heißt, dass die Pflanzen der Wiener Grünflächen zunehmend mit Hitze- und Trockenstress fertig werden müssen. Aber man kann nicht einfach darauf reagieren, indem man Steppenpflanzen setzt, denn die würden an den Frosttagen erfrieren. „Wir wollen herausfinden, was man pflanzen muss, um gegen den Klimawandel anzuwirken bzw. das Mikroklima eines Parks stabil zu halten“, sagt Drlik: „Wenn man bedenkt, dass 2008 weltweit mehr Menschen in Städten leben werden als am Land, ist davon auszugehen, dass die zunehmende Urbanisierung die Auswirkungen des Klimawandels verstärkt.“ Daher ist es besonders in Städten wichtig, für Grünflächen zu sorgen.

Wien soll in dieser Arbeit als Fallbeispiel für viele Städte herangezogen werden. Wenn man die Statistik ansieht, liegt Wien weltweit derzeit im vorderen Drittel, was die Quadratmeter Grünfläche pro Einwohner angeht. 45Prozent der Stadt sind bereits Grün- oder Freiräume, jedoch schwankt der Anteil von Stadtteil zu Stadtteil stark. Ebenso schwanken die Nutzungsansprüche in jedem Stadtteil. „In unseren Modellen wollen wir auch die Menschen einbeziehen. Denn Grünflächen sind ja kein abgeschlossenes System“, erklärt Licka. „Während die Öffnung der Landschaftsplanung zu den Naturwissenschaften schon lange passierte, sind wir endlich auch dahin gekommen, die Sozial- und Kulturwissenschaften einzubeziehen. Nur so können wir ökologisch und sozial nachhaltig planen.“

LEXIKON

Nachhaltigkeit wird im Abschlussbericht der 1987 von der UN-Generalversammlung eingesetzten Brundtland-Kommission so definiert: Nachhaltig ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2007)

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