Unser Kanzler ist keine Würgfeige

Wie oft muss man von Tieren lesen, die sich weigern, als animalia oeconomica zu leben!

Sie fangen schon an zu lästern“, konstatierte ein Zentralblatt für österreichische Befindlichkeit, nämlich „Österreich“, schon am Dienstag – und titelte: „Deutsche verhöhnen Österreich“.

Nun, das ist garstig, und diese Ruchlosigkeit wird Folgen haben, spätestens am 16.Juni2008 im Wiener Stadion, 30 Jahre (minus fünf Tage) nach Cordoba. Was mir Fußball-Ignoranten aber völlig egal ist, meinen Nationalstolz kränkt eher die Tatsache, dass Österreich in der Pisa-Studie, Kategorie Naturwissenschaften, mit nur 511 Punkten ganze fünf Punkte hinter Deutschland liegt!

Diesfalls hört man sie zwar noch(!) nicht lästern und höhnen, aber man sieht sie schon triumphieren, z.B. auf der Titelseite des „Spiegel“, der unter der Schlagzeile „Magie des Forschens“ die Jubelmeldung – 516 Punkte! 13.Platz!! – mit der „Neuentdeckung der Naturwissenschaften in der Schule“ verbindet, illustriert mit einer idyllischen „Unsere-Jugend-forscht“-Zeichnung, die in den Fünfzigerjahren schon retro gewesen wäre.

Aber wir wollen ja nicht höhnen und lästern. Dazumal in derselben Ausgabe des „Spiegel“ unser ehemaliger Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ausführlich gewürdigt und als Vorbild für die CDU empfohlen wird. „Er hat reformiert“, wird ihm bescheinigt, und: „Als Kanzler war er beinhart, neoliberal würden manche sagen.“ Aber, ach, nun sehe er „den Reformwillen erlahmen in Europa“. Was Schüssel laut „Spiegel“ das Hayek-Zitat entlockt, das man von jenen kennt, die jeden Gemeindebau als bolschewistische Trutzburg entlarven: „,Sozialismus‘, seufzt er, ,gibt's leider in allen Parteien.‘“

Hierorts darf man mahnend hinzufügen: Auch in allen Wissenschaften! Von den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften einmal abgesehen, da ist man sowieso vor linken Umtrieben nie sicher. Aber sogar in der Mathematik ist Vorsicht geboten, schon das Kommutativgesetz klingt ja verdächtig. Ganz arg ist es in der Physik: Man denke nur an die Bosonen, die sich in egalitärem Wahn die Quantenzustände teilen, gar an das Bose-Einstein-Gas, das ja geradezu eine Sowchose der Teilchenphysik darstellt.


Selbst in der Biologie herrscht nicht der reine freie Wettbewerb, bläst nicht immer der frische Wind des Marktes ohne Adjektive. Wie oft muss man von wilden Tieren lesen, die sich weigern, als animalia oeconomica nach den Lehren von Hayek und Friedman zu leben, die in Rudeln, um nicht zu sagen: Kollektiven kooperieren, sich altruistisch gebärden, auf Schwächere Rücksicht nehmen, als ob sie nichts von der unsichtbaren Hand des Adam Smith wissen wollten!

Die Botanik spendet wenigstens noch tragfähige Metaphern: Mit einem Ficus bengalesis vergleicht der „Spiegel“ seine Kanzlerin: „Von Ferne gekommen, von oben aufgepropft, nach unten gewachsen, die Partei als Stamm benutzt, inzwischen auf einem festen Stamm stehend: Man darf die Würgfeige als Allegorie auf Angela Merkel in der CDU begreifen.“

Da fragt sich unsereins erstens: Können wir, sei's in Pisa oder auf dem Fußballfeld, ohne argen Gesichtsverlust einer Nation unterliegen, die von einer Würgfeige regiert wird? Zweitens: Mit welcher Pflanze wäre Alfred Gusenbauer zu vergleichen? Vorschläge bitte unter „Die Lärche war's nicht“ an unten stehende Adresse.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2007)

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