Kitzbüheler Hüttenschmaus: Pommesfreie Zone

APA
  • Drucken

Im Kitzbüheler Horn lagert ein über 200-jähriger Madeira. Hoch über Jochberg hat Alpinkitsch
Hausverbot. In der Gamsstadt trägt man wieder
Gamaschen. Auf Etappen durch die Kitzbüheler Alpen, ausgedehnte Hüttenstopps inklusive.

Es gibt keine Pommes auf der Bärenbad-alm, keine Grölvorlagen aus den Boxen, kein Parkett für abgedrehte Promis, die hauptsächlich Publikum brauchen. Seit einem Jahr funktioniert Oswald Hochfilzers Hütte hoch über Jochberg so. Mitten im vermutlich schneeärmsten aller Kitzbüheler Winter hat er sie eröffnet, aber die Leute sind gekommen. Weil’s gemütlich ist und atmosphärisch anders als in vielen Einkehren in dieser almhüttenreichen Skiregion.

Manchmal noch versucht hier ein verirrter Geschmack Germknödeln zu ordern und bekommt stattdessen
„Äpfiradei“ (gebackene Apfelräder) serviert. Dann hat auch der Resistenteste begriffen: Die Bärenbadalm ist Sperrzone für SB-Kost und Wodka-Feige-Gaudi. Den Fleischbedarf decken die Hochfilzer‘schen Angusrinder ab, die sommers gleich vor der Hütte weiden und im Winter in Jochberg im Tal wohnen. Den Schnaps bezieht man ebenfalls aus der Region, aus St. Johann das Bier, den Käse aus dem Nachbardorf Aurach.

Bekenntnisse zum Regionalen sind in der Gastronomie nicht mehr neu, aber im Skihüttenumfeld durchaus bemerkenswert – auch was Stil und Baustoffe betrifft. Holz, Glas und Stein kommen hier ganz ohne Schnickschnack zum Einsatz, ohne mit der Erwartungshaltung der Gäs-te zu brechen. „Ich wollte nicht zu viel, nicht noch eine Bucklkraxn an der Wand“, sagt Hochfilzer. In seiner aktiven Zeit als Skicross-Spitzenfahrer kam er weit herum und nahm überall den Skihüttenvergleich, in Schweden, in Frankreich, immer mit dem Ziel, etwas eigenes – „Gerades, Schlichtes“ – zu bauen.

Auf den Kitzbüheler Grasbergen stehen die Almen nicht immer singulär, sondern oft in Gesellschaft, weil sie verschiedene Besitzer haben. Das diente Hochfilzer als Motiv. Auf keinen Fall wollte er „einen einzelnen Riesenklescher“ unter das Gipfelkreuz des Bärenbadkogels setzen. Nach Süden – in Richtung Zentralalpenhauptkamm, ein Wow-Ausblick also – weisen drei große Giebel, und darunter unterschiedliches Ambiente: Stüberl, eine Lounge mit Sofas. Hinten, im Berg, verbindet ein Trakt die Baukörper. Ebenerdig liegen dort die Nassräume, was ein Vorteil ist, wenn man bedenkt, dass sich beim Kellerklogang schon so mancher Skifahrer den Haxen gebrochen hat. Durch die drei Elemente und die vorgelagerte Terrasse wirkt die Hütte jedenfalls nicht so groß, wie sie ist. Beschallt wird die Bärenbadalm mit ausgesucht guter Musik, also skihüttenuntypischer; Neujahrskonzert-Einlagen nicht ausgeschlossen.

Randzonen

Skiuniversen haben die Angewohnheit, sich auszudehnen, das Kitzbüheler Alpen-Gebiet dürfte jedoch an seine Grenzen stoßen. 704 Kilometer Piste liegen zwischen Fieberbrunn und dem Alpachtal. Nicht, dass das auf den Skifahrer gleich demotivierend wirkt, aber muss man denn alles abfahren, wenn man sich den Top-Skipass im ganzen Umfang zulegt? Muss man nicht, tut man auch nicht. Im Schnitt, sagt Lukas Krösslhuber von den „Kitzbüheler Alpen“, bleiben die Skifahrer ihrem Revier, ihrem angestammten Urlaubsort treu. In sechs Tagen etwa geht der Kitzbühel-Fan 4,5-mal im Skigebiet vor der Haustür auf die Piste, 1,5 Tage wildert er auswärts – in Fieberbrunn, in St. Johann oder der Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental im Westen etwa.

Das ist schade, denn nicht selten erweisen sich die Randzonen oft als interessanter als die Kernzonen. Die Kitzbüheler Streif fährt man zum Beispiel nicht zum Spaß, sondern weil man wieder hinunter ins Hotel muss. Oder beim Steinbergkogellift im nächsten Kessel hinter der Hahnenkammbahn war über viele Jahre Anstellen, Warten und Leut‘schauen angesagt, bevor heuer ein neuer Achtersessellift hingestellt wurde, mit Sitzheizung, versteht sich.

Man könnte also im Skigebiet Kitzbühel in Richtung Pass Thurn fahren und die spektakuläre 3-S-Bahn auslassen, die über den tiefen Saukasergraben setzt. Dann hat man solche Traumpisten wie die Pengelstein-Süd oder die Giggling-Abfahrt für sich allein und könnte, wenn man reserviert und die Schuhe mithätte, gleich bei ein paar ausgezeichneten Gastroadressen einkehren: die Giggling-Stube (zwei Hauben) oder das urige Gasthaus Bärenbichl.

Direttissima

Man könnte aber auch einen Abstecher nach Fieberbrunn in der Region Pillerseetal machen, das sich das „bestversteckte Skigebiet der Alpen“ nennt – eine Marketing-Koketterie, denn die Vorzüge dieses besonders schneereichen Skigebietes sind nur schwer zu verbergen. Man teilt sich die Pisten mit Kennern, mit der Boarder-Community, und im äußerst reizvollen Gelände sieht man mehr Freerider als anderswo. Für ganz Mutige veranstaltet man jedes Jahr Ende Februar in Fieberbrunn den wildesten aller Freeride-Bewerbe: Man stürzt sich beim „Snowfever“ fast in der Direttissima vom Hausberg, dem Wildseeloder, hinunter.

Es geht freilich auch gemütlicher, in Hütten-Etappen, zumal hier ein paar sehr ansprechende Exemplare liegen: zum Beispiel die urige, sonnige Hochhörndlhütte, wo Leo und Friedl Trixl ausgezeichnete Kaspressknödel servieren, oder das „Wildalpgatterl“, mit Geschmack – nostalgisch, aber kitschfrei – eingerichtet. Könnte gut sein, dass sie beim heurigen Contest der „Skihütten-WM“ vorne dabei sind.

Weinberg

Nächste Alm, anderes Konzept: Station ist die Angereralm auf der Nordflanke des Kitzbüheler Horns hoch über St. Johann, ein Stück Tiroler Wirtshauskultur, das sich am Abend in eine Adresse für ausnehmend kreative Küche verwandelt, ohne auf den kitzüblichen Schickeriaauftrieb zu setzen.

Manchmal hat man das Privileg, mit Annemarie Foidl,
der Besitzerin, Sommerliere und einnehmend dynamischen Wirtin, in die Tiefen ihres Weinkellers hinabzusteigen. Was hier lagert, übertrifft die Vorstellungkraft des Skiurlaubers, der sich schon freut, wenn er über tausend Metern Höhe ein gepflegtes Achterl Grünen Veltliner ergattert. Es sind an die 6000 Flaschen, Exoten und Antiquitäten, aus 1795 datiert die älteste, ein Madeira, von der es nur mehr 30 Stück gibt. Sie döst im Gestein des Kitzbüheler Horns dahin, bis sich der richtige Moment mit den richtigen Menschen ergibt, um sie auszutrinken.

Mittlerweile ist Foidl auf den Geschmack von Sake gekommen: „Mancher schmeckt in der Blindverkostung wie ein Tokaier“. Ihre Funktion als technische Direktorin des österreichischen Sommelierverbandes bringt sie weit herum, die meisten Souvenirs landen freilich in ihrem Weinkeller. Heuer hat sich Foidl mit zwei anderen Weinexpertinnen aus der Region zusammengetan: Gemeinsam mit dem Penzinghof in Oberndorf und der Stanglalm in St. Johann agieren sie als „Weinwirte“, und präsentieren einen Gemeinschaftswein (Blaufränkischer vom Iby). „Das Haus hat eine natürliche Ausstrahlung.“ Deswegen wurde nicht viel an der alten Angereralm herumgedoktert, außer dem Anbau einer ganz modernen Küche, wo man sein Hirschfilet im Auge behalten kann. So es denn Hirsch gibt. Oder Rote Rübenpaste, Frischkäse und Kalbfleisch. Speisekarte gibt es keine – „ich weiß nie, was wir hereinkriegen“, sagt Foidl, die ihren Gästen erst von Gang zu Gang verrät, was sie bekommen. Aufgeregt hat sich noch niemand. Ganz im Gegenteil. Satt und froh bleibt man gleich über Nacht und freut sich über die Reminiszenzen an Skiurlaub anno dazumal. Die Etagendusche bleibt auch in Zukunft, denn man sei kein Hotel, sondern eine Alm. Wer im Tal wohnt, schwingt sich auf die Ski und fährt vorsichtig hinunter.

Elchtest

Holz bekommt Konkurrenz durch Eis. Wie an vielen Orten schießt winters auch in Kitzbühel ein Igludorf aus dem Boden, aber nicht irgendeines. Es handelt sich schon um eine größere Anlage, mit Lounge, vielen Zimmern und einer Kirche. Ständig bewohnt wird das Alpeniglu-Dorf am Hahnenkamm von vier Rentieren, sie wundern sich nicht mehr über die neugierigen Gäste, die auf einen heißen Tee vorbeischauen und es sich auf den Rentierfellen bequem machen. Aufgebaut wurde das Dorf nach dem „finnischen Prinzip“: Ein Ballon wird aufgeblasen, dieser dann mit Wasser bespritzt.

Paralleluniversum

Zurück in der Stadt: Kitzbühels Präsenz auf den Society- und Luxusimmobilienseiten trügt. VIP-Zottelmoonbootsträger und russische Fünftwohnsitzler urlauben hier in freundlicher Koexistenz. Jede Menge Ottonormalskiurlauber bewegen sich dazwischen in einer Art Paralleluniversum. Und überall gibt es Orte, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, bekannten Gesichtern zu begegnen. Bei der Sonnberg-Rosi zum Beispiel, die sich manchmal zu ihren Gästen setzt, die Gitarre zupft und ihnen das Kitzbühel-Lied vorjodelt, wurscht, ob man Karlheinz heißt oder nicht.

In den letzten Jahren hat sich die Hotellerie von schwerem Holzschnitzbarock freigemacht und, wenn schon Holz, dann dezentere Regionalzitate eingearbeitet. Auch die Gastronomie ist um interessante Adressen gewachsen – das Neuwirt im „Schwarzen Adler“ oder das „Lois Stern“ zum Beispiel.
Das natürlich Gewachsene an Kitzbühel erkennt man speziell an traditionellen Läden und Traditionsmarken: Der Hosenschneider Prader gehört dazu. Sportalm, die ein bisschen Glam und Chichi auf die Skipiste bringt. Oder Frauenschuh, dessen Shops auf dem Weg zur Hahnenkammbahn Modebewusste ablenken – soll man sich die superscharf geschnittenen Skihosen leisten? Seit einiger Zeit hat Frauenschuh eine eigene Kollektion: schlichte, raffiniert geschnittene Teile, denen man die Piste après nicht ansieht. Designt wird in Paris, das Finish erfolgt vor Ort in der Gamsstadt. Fleecejacken sind der Renner. Und heuer werden wir unter dem Hahnenkamm jede Menge Catsuits und Gamaschen sehen – wetten, dass?

Skifahren
Entscheidungsfrage: Bleibt man im Revier oder nicht? Wer in angrenzenden Skigebieten gustieren will, nimmt sich den Top-Skipass Kitzbüheler Alpen, sonst jeweils regionsweise. Aufklärung bringt die Seite der Kitzbüheler Alpen. Tel: 05356/647 48

Einchecken
Villa Licht: mitten in der Stadt, liebevoll eingerichtet.
A-Rosa Spa & Wellness-Resort: Junges schlossartiges Anwesen vor den Toren Kitzbühels.
Schwarzer Adler Kitzbühel: mitten in der Stadt, neues, sehr cooles Spa. Restaurant Neuwirt im Haus.

Essen & einkehren
Angereralm in St. Johann i. T.: authentische Almhütte mit außergewöhnlicher Küche und tollem Weinkeller. Am Wochenende oft ausgebucht.
Bärenbadalm: neue, coole Alm bei der Bergstation Bärenbadkogel II. Regionale Produkte, angenehmes Musik-Konzept.


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.