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Karlheinz Stockhausen: Alle Fesseln abgeworfen

(c) EPA (Rolf Haid)
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Nachruf. Komponist Karlheinz Stockhausen, Ikone der Moderne auch abseits der Musik, starb im Alter von 79 Jahren.

Man hat seine „Würdigung“ der Terroranschläge des 11.September kleinzureden versucht, als wären sie Spintisierereien eines der Welt abhanden gekommenen, einsam-verträumten Künstlers, der in seinem Elfenbeinturm jeglichen Bezug zur Realität verloren hatte. In Wahrheit verrät Karlheinz Stockhausens inkriminierte Gleichsetzung eines welterschütternden, brutalen Verbrechens mit einem künstlerischen Akt mehr über ihn und sein Kunstverständnis als jeder musikalische Analyse-Versuch. Das Welterschütternde an der New Yorker Katastrophe faszinierte ihn gewiss zuvörderst. Der fanatische Hintergrund und die akribische Vorausplanung der Tat wohl auch.

Man kommt um die Radikalität seiner Denkmuster nicht herum, will man das Phänomen Stockhausen greifbar machen. Nur dank Grenzen sprengender Visionen wurde er zu einer der Ikonen der Moderne – nicht nur der musikalischen, quer durch alle stilistischen Bereiche. Der Name Stockhausen fiel in Kreisen fernab aller Konzertsäle, wenn es darum ging, Zeugen für den Fortschritt der Kunst nach 1945 zu benennen, Kunst, die radikal mit allen überkommenen Schönheitsbegriffen aufräumte.

Als Paradefall des Avantgardisten war ihm nicht nur die seltene und Popularität stiftende Ehre beschieden, zur Zielscheibe von Karikaturisten zu werden. Er war auch für Kollegen aus ganz anderen Segmenten der Musik-Industrie von Wichtigkeit. Die Beatles ehrten ihn auf ihrem legendären Cover ihres Konzeptalbums „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band”. In jener Galerie der 70 „neuen, freien Menschen“ fand er sich neben Stan Laurel, Karl Marx, Marlene Dietrich und Bob Dylan. Pink Floyd wiederum waren von Stockhausens musikalischen Ideen sogar musikalisch beeinflusst.


Modell-Macher für die Pop-Musik

Karlheinz Stockhausen selbst hat solchen „Überfluss“ seiner kompositorischen und kulturphilosophischen Leistungen ins populäre Genre nie kommentiert. Doch darf man davon ausgehen, dass er dank seiner Vorliebe für die Grenzenlosigkeit ziemlich angetan davon gewesen sein wird.

Aus der Enge herauszukommen, Fesseln abzuwerfen, vor allem solche, die dem Geist und der Imaginationskraft angelegt waren, das scheint von Anbeginn Stockhausens Herzensanliegen gewesen zu sein, die Triebfeder, die ihn zum Künstler machte. Aufbruch aus der Enge als Programm, aus jener Enge, in die sich der Jugendliche in der Zeit der Hitler-Diktatur gezwängt fühlte, die sich zur Unerträglichkeit verstärkte, als der Vater aus dem Krieg nicht heimkehrte, als die Mutter zwangsweise in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.

Aus dem Lehramtsanwärter des Jahres 1947 war Anfang der Fünfzigerjahre bereits die deklarierte Galionsfigur der neuen Generation geworden, die bei Gelegenheiten wie den Darmstädter Ferienkursen einander Freitickets in neue Erlebniswelten auszustellen versuchten. Stockhausen stürmte voran, probierte, Schönbergs Zwölftonmethode zur kristallklaren Organisation sämtlicher musikalischer Parameter auszuweiten. Als andere auf diesen – man nannte ihn bald den „seriellen“ – Karren aufsprangen, war Stockhausen längst anderswo gelandet.

Dabei war es ihm nie darum zu tun, anderen Wege zu ebnen. Er selbst wollte träumen – wer daran teilnehmen wollte, der wurde nicht zum Weggefährten, eher zum „Jünger“, denn Stockhausens messianischer Nimbus festigte sich rasch. Aus dem Pionier war ein Guru geworden. Zunächst hatte Stockhausen mit „Kreuzspiel“ und „Gruppen“ die Möglichkeiten des Raumklangs erkundet, dann war er mit „Stimmung“ vom Makrokosmos in die Innenwelten eines über 70 Minuten ausgehaltenen Klanges vorgedrungen. Via elektronische Klangerzeugung hatten die berüchtigten „Jünglinge im Feuerofen“ das Lob des Herrn gesungen, aber auch zwei Pianisten (in „Mantra“) den Klavierklang ganz neu aufgefächert. Der Meister erschloss nun mitteleuropäischen Publikumsschichten die Lust an fernöstlichen Meditationsformen, indem er sie zum künstlerischen Akt erklärte und mit seinem ?uvre harmonisierte.

Dann ward es „Licht“. Stockhausen zog sich aus allen Elektronik-Studios, von allen Lehrkanzeln zurück und wurde zum Einsiedler. Alle sieben Wochentage bedachte er mit ausladenden Musiktheaterwerken, die mit Luzifer, Eva und Michael Gestalten aus der religiösen Welt seiner katholisch geprägten Jugend zu neuen mythologischen Schöpfergestalten mutieren ließen. Er selbst, verkündete der Komponist, sei „vom Sirius gekommen“, wohl um sein Licht über die Welt zu gießen. 28 Stunden würde die Gesamtaufführung der Heptalogie dauern, deren erster Abend („Donnerstag“) 1981 an der Mailänder Scala zur Uraufführung kam.

Die Lust an der künstlerischen Ausleuchtung unserer Innen- und Außenwelten, an der hymnischen Feier der Weltenharmonie hat den zum Hohenpriester seiner selbst gewandelten Einzelgänger auch nach der Vollendung von „Licht“ nicht verlassen. Er starb 79-jährig über Plänen zu einem „Klang“-Projekt, das die Stunden zu musikalischen Räumen werden lassen sollte. Die Minuten wären wohl gefolgt, Sekunden, klingende Atome, die alle Weltkräfte bergen, er hätte sie alle zum Singen bringen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2007)