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Musikalischer Messias, der Licht in Tönen erschuf

Wie Stockhausen zum Vordenker der Avantgarde wurde.

Karlheinz Stockhausen kam am 22.August 1928 in Mödrath (Kerpen, Nordrhein-Westfalen) in Deutschland zur Welt. Sein Vater kehrte aus dem Krieg nicht heim. Die Mutter starb früh in einer Nervenheilanstalt. Stockhausen studierte zunächst, erwarb 1951 die Lehrbefugnis, wandte sich nach Versuchen als Jazz-Pianist aber ausschließlich seinem kompositorischen Schaffen zu.

Bereits bei den Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, Anfang der Fünfziger Jahre, fungierte er als führender Dozent und galt bald als richtungsweisender Vordenker der Avantgarde. Für die meisten der rasch wechselnden, viel diskutierten stilistischen und technischen Erneuerungen der Musik jener Zeit lieferten Stockhausens Kompositionen jeweils relevante Beispiele. „Kreuzspiel“ markierte 1951 die Heraufkunft des sogenannten Serialismus im Gefolge der Zwölfton-Methode der Zweiten Wiener Schule. Der „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ von 1956 gilt bis heute als erste nennenswerte elektronische Komposition.


Raummusik und Sternklang

Mit „Gruppen“ für drei Orchester setzte sich Stockhausen im Jahr darauf an die Spitze der Bewegung der „Raummusik“, für die er späterhin noch Kompositionen wie „Momente“ (für vier Chorgruppen, Sopran und 13 Instrumente) oder „Sternklang“ (für fünf Ensembles) beisteuerte. Bis 1998 war Stockhausen – zeitweilig auch als Leiter – die Integrationsfigur des Studios für Elektronische Musik des WDR, wo Mitte der Sechziger Jahre Stücke wie „Telemusik“ und „Hymnen“ entstanden, die zum Teil Elektronik mit Live-Musik verbinden.

Mit „Mantra“, vor allem aber mit dem für solistische Darbietung konzipierten „Tierkreis“ schuf Stockhausen auch Meditations-Musik. Seit 1980 arbeitete der mehr und mehr zurückgezogen lebende Künstler an seinem monumentalen Musiktheater-Zyklus „Licht“. Bereits 1981 kam mit dem „Donnerstag“ aus „Licht“ der erste Abschnitt der Heptalogie zur Uraufführung: Die Mailänder Scala hob das Werk aus der Taufe und kreierte 1985 und 1988 mit „Samstag“ und „Montag“ auch die beiden folgenden Stücke. Leipzig setzte den Zyklus fort. Eine Gesamtaufführung der sieben Werke, die 2003 vollendet waren und miteinander etwa 28 Stunden dauern, sollte Stockhausen nicht mehr erleben.

Österreich war nur ein einziges Mal Schauplatz einer spektakulären Stockhausen-Premiere: Die Salzburger Festspiele brachten das 1996 entstandene „Helikopter-Streichquartett“ zur Aufführung heraus.


Leben im Elfenbeinturm

In den vergangenen Jahren arbeitete Stockhausen an Musik zu den einzelnen Stunden des Tages. Sechs dieser „Klang“-Studien wurden realisiert. Mit der Isolierung der sogenannten Neuen Musik in einem eingeweihten Kennern vorbehaltenen, hochsubventionierten „Elfenbeinturm“ hatte Stockhausen anders als viele Kollegen nie Schwierigkeiten. Abgehoben inszenierte er sein Leben selbst als artifizielles, einem metaphysischen Raum zugewandtes Kunstwerk. Karlheinz Stockhausen starb nach kurzer, schwerer Krankheit in der Nacht auf Donnerstag im Alter von 79 Jahren. sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2007)