Boys Days: „Burschen sind oft sprachlos“

(c) APA (Roland Schlager)
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In ganz Österreich fanden an Schulen Workshops zur Gewaltprävention statt – ausschließlich für Buben.

Wie fühlt man sich als Täter, als Opfer oder als Zündler, der anfeuernd neben einer Rauferei steht? Bei den heuer erstmals stattfindenden „Boys Days“ (3. November bis 10. Dezember) konnten Buben und junge Männer in Rollenspielen verschiedene Perspektiven der Gewaltausübung erleben.

Harald Burgauner von der Beratungsstelle „Männerwelten“ in Salzburg berichtet der „Presse“ von seinen Erfahrungen der letzten Wochen: „Wir haben in zehn Salzburger Schulen Workshops für Buben veranstaltet, von der 3. Klasse Volksschule bis zur 7. Klasse AHS. In den Workshops ging es unter anderem um die Fragen: Was gilt für Jugendliche als Gewalt und welche Interventionsmöglichkeiten gibt es?“

Sowohl die Fragestellungen als auch der Rahmen der vom Unterrichtsministerium finanzierten „Boys' Days“ – dass nur männliche Schüler am Workshop teilnahmen – kam gut an. Wo sind denn die Burschen sonst unter sich? In vielen Schulen wird nicht einmal der Turnunterricht geschlechtsspezifisch getrennt abgehalten. Ohne Mädels in der Gruppe kann sich ein Gespräch über das „Mann sein“ ganz anders führen lassen.

„Die Burschen haben klare Werthaltungen und wissen genau, was man darf und was nicht. Aber viele stecken in einer diffusen Ohnmacht und sind sich der Grenzen nicht bewusst“, erzählt der Salzburger Gewaltpädagoge.

Gewalt zu 90% männlich

Immer noch werde von Burschen in der Gesellschaft ein gewisses Maß an Gewaltbereitschaft erwartet. So wird ein Bub eher gefragt: „Hast du dich gewehrt?“

Auch die Statistik zeigt, dass zirka 90 Prozent der physischen Gewalt in Schulen von männlichen Schülern ausgeübt wird. Dabei wird bei Buben zu oft übersehen, dass solche, die sich gerne als Täter präsentieren, oftmals selbst Opfer waren.

„In der Gewaltprävention versuchen wir den Burschen deutlich zu machen, dass sie nicht nur potenzielle Täter, sondern auch potenzielle Opfer sind. Buben als Opfer von sexualisierter Gewalt sind nach wie vor ein Tabu. In den Workshops vermitteln wir, dass auch Scham und Angst besetzte Themen unter Männern besprochen werden dürfen. Wir wollen die Burschen stärken und sie in ihrer emotionalen Kompetenz trainieren“, sagt Burgauner. Wenn solche versteckt gehaltenen Emotionen zum Ausdruck gebracht werden können, ist ein erster Schritt der Prävention getan. „Burschen sind oft sprachlos, was ihre Gefühle betrifft. Unsere Beratung zielt darauf ab, dass die jungen Männer ihre Gefühle wahrnehmen und diese benennen können“, sagt Burgauner.

„Müssen nicht obercool sein“

Für die Männerberatung Wien ist das Projekt „Gender Tage 2007“ – zu dem auch die Boys Days gehören – noch nicht zu Ende. „Wir sind bis März ausgebucht“, berichtet Bernd Kühbauer aus der Erlachgasse im 10. Bezirk: „Bei diesem Projekt gehen nicht wir in die Schulen, sondern die Schüler oder auch Jugendliche aus außerschulischen Einrichtungen wie Jugendzentren oder, ,Jugend am Werk‘ kommen in Gruppen zu uns in die Beratungsstelle.“

Natürlich sind auch hier geschlechtshomogene Gruppen die Voraussetzung – nur so sprechen die Burschen offen. „Wenn sich die Jugendlichen nicht vor den Frauen produzieren müssen, haben sie keinen Grund obercool zu spielen“, schätzt Kühbauer die Situation ein. In den Workshops wird mit den Jugendlichen vorerst eine Definition von Gewalt erarbeitet: Gewalt beginnt bei der Sprache, bei Abwertungen und Schimpfwörtern und geht hin bis zur physischen Gewalt.

Im Weiteren behandeln die Gruppenleiter mit den Jugendlichen das Thema männliche Sozialisation: Was ist typisch männlich, was typisch weiblich? „Wir versuchen traditionelle Muster – wie der Mann als Ernährer, die Frau bei den Kindern – aufzuweichen“, beschreibt Kühbauer die Gespräche, die natürlich von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich verlaufen: „Es kommt immer darauf an, in wie weit die Jugendlichen in ihrem persönlichen Umfeld mit dem Thema Gewalt konfrontiert sind.“

Einmalig?

Der große Anklang, den dieses Projekt findet, zeigt, dass bei Jugendlichen großer Bedarf herrscht, über Gewaltprobleme zu sprechen. Daher wünschen sich die Mitarbeiter der Männerberatung, dass die Gender Tage 2007 nicht ein einmaliges Ereignis waren, sondern dass der Bedarf auch im Ministerium erkannt und weiterhin finanziert wird.

INFO

www.bmsk.gv.atHeute, Montag, am Tag der Menschenrechte, endet die Initiative „Gender Tage 2007“.
Als Finissage finden am 11. Dezember 2007 im Sozialministerium Workshops über „Konflikt- und Gewaltprävention“ mit Erwin Buchinger und Gruppen männlicher Jugendlicher statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2007)


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