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Mit Federn, Haut und Haar: Mängelwesen Mensch?

Kein Tier könnte uns in einem Triathlon aus Laufen, Schwimmen und Klettern schlagen.

Wie die österreichischen Fußballfans pendeln die uns von Denkern und Wissenschaftlern verpassten Menschenbilder zwischen Selbstüberschätzung und Katzenjammer. Schon die griechischen Philosophen erkannten die Grenzen der menschlichen Omnipotenz. Die Freiheit des Menschen ist eben relativ. Aber es blieb dem Philosophen und Soziologen Arnold Gehlen vorbehalten, uns zum „Mängelwesen“ abzustempeln. Als solches sei der Mensch auf sein Handeln, auf „Institutionen“ und „Zucht“ angewiesen, um zu überleben, und wehe, die Letzteren würden „entarten“.

Nicht zufällig ist man an NS-Diktion erinnert, Gehlen war verstrickt. Anthropologien sind immer auch Selbstreflexion und korrespondieren mehr als andere Philosophien mit den Ideologien ihrer Zeit. Der Kulturpessimist Gehlen idealisierte als Kind des frühen 20.Jahrhunderts die Natur, während er den Menschen als „Irrläufer der Evolution“ sah.

Konrad Lorenz widersprach: Menschen seien perfekte Generalisten (tatsächlich könnte uns kein Tier in einem Triathlon aus Laufen, Schwimmen und Klettern schlagen), die aber durch ihre selbst geschaffene Zivilisation genetisch und in Folge auch sozial „degenerieren“ würden. Wenn Mängelwesen, dann also selbstverschuldet. Diese Naturalismen sind aus Sicht der heutigen Biologie Geschichte. Unsere Instinkte verkümmerten keineswegs: So etwa passen Männer mit Kinderwunsch ihre Hormone an den Zyklus ihrer Partnerin an, und all unser Sozialverhalten ist eminent instinktiv verankert.

Mehr noch: Selbst Moral, Geist und Kultur stellen sich als biologisch bedingt heraus. Die menschliche Moralfähigkeit und -bedürftigkeit ist nur im Kontext mit unserem komplexen Sozialleben zu verstehen. Damit wird der Rückgriff auf metaphysische Stiftungsideen entbehrlich. Evolutionär gesehen sind Menschen fast perfekt ausgestattet, im Guten wie im Bösen. Auch Babymord auf Basis des Prinzips der Vaterschaftssicherung ist evolutionär bedingt. Moralisch zu rechtfertigen ist solches Verhalten nicht.

Wie, wenn beide, Moral und Babymord, evolutionär fundiert sind? Der Widerspruch zerfällt, wenn Moral als Anpassung auf Gruppenebene, die triebhafte Mordlust aber als Produkt individueller Anpassung gesehen wird. Nicht zufällig sind die großen Konflikte der Menschen immer zwischen den Polen der Gruppen- und Einzelinteressen angesiedelt.


Kann man diese evolutionäre Systemimmanenz als „Mangel“ bezeichnen? Sehr wohl, wenn als Maßstab das Ideal gilt. Nicht aber nach Maßgabe des evolutionären Prinzips, wonach das Bessere der Feind des Guten sei. Allerdings liefert der evolutionäre Prozess nicht nur perfekte Lösungen, wie uns die Bioniker gern einreden, sondern auch Fehlkonstruktionen. Unsere Bandscheibenprobleme im Zusammenhang mit dem aufrechten Gang mögen als Beispiel durchgehen. So bestimmt der Blickwinkel die Gültigkeit von Gehlens Begriff „Mängelwesen“. (Diesem spannenden Thema widmet sich am 14. und 15.12., jeweils ab 9Uhr in der Aula des Uni-Campus Altes AKH, Hof1, ein Symposium der Österreichischen Forschungsgemeinschaft.)

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


kultur@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2007)