Mit geschlossenen Augen

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John Neumeier bringt in Wien eine Choreografie zu Bachs „Weihnachtsoratorium“ zur Uraufführung.

Die Presse: Sie haben ein Ballett zu weihnachtlicher Musik von Johann Sebastian Bach kreiert. Was bedeutet Weihnachten für Sie?

John Neumeier: Meistens ist Weihnachten eine Zeit, in der wir sehr viel Arbeit haben, weil wir im Dezember mehr Vorstellungen und meist auch eine Premiere haben. Für mich persönlich ist Weihnachten etwas sehr Nostalgisches, Familiäres, Innerliches.

Wieder choreografieren Sie zu religiöser Musik, wie z.B. schon zu Bachs „Matthäus-Passion“ oder zu Händels „Messias“ – kommt das aus Ihrer Religiosität heraus, oder liegt es an der Anziehungskraft der Musik?

Neumeier: Ausgangspunkt jeder meiner Arbeiten ist hauptsächlich die Musik – die Empfindung von Bach, dessen Komposition immer tiefer und immer vielschichtiger wird, je öfter man sie hört. Ich bin zwar katholisch erzogen, das bedeutet aber nicht, dass ich ein sehr guter Katholik bin. Aber es ist für mich ein sehr wichtiger Teil meiner menschlichen Auseinandersetzung. Man könnte sagen: Ich bin ein gläubiger Mensch.

Wie entstehen Ihre Choreografien?

Neumeier: Es funktioniert nicht, wenn ich die Musik zwar schön finde, aber sie nur vom Kopf her bewundere. Verführen lasse ich mich, wenn sie mich vom Stuhl reißt und mich zwingt, mich dazu zu bewegen. Choreografieren heißt bei mir improvisieren. Ich könnte nicht auf dem Stuhl sitzen und den Tänzern sagen, was sie machen sollen – ich muss es vormachen. Ich muss selbst schwitzen. Es durch meinen Körper nach außen transportieren. Dann machen es die Tänzer nach, und ich kann sie korrigieren und aus ihrer Bewegung den nächsten Schritt sehen.

Was bringt Ihr Weihnachtsballett?

Neumeier: Es wird ganz toll sein. Mit Orchester, Chor und Gesangssolisten – man könnte hinkommen und die Augen zumachen. Der Tanz kommt dazu – durch diese Mischung erfährt Bachs Oratorium eine Mutation, eine Metamorphose. Es entsteht eine andere Art von Kunstwerk. Wäre die Musik allein, gehörte dieses Stück in die Kirche. Durch den Tanz entsteht aber unwillkürlich ein Theaterstück.

Sie haben eine Stiftung gegründet – zu welchem Zweck?

Neumeier: Ich habe eine sehr große Ballett-Bibliothek: 13.000 Bücher, die weltgrößte Sammlung über Waslaw Nijinsky, 25.000 bis 30.000 weitere Objekte wie Gemälde, Grafiken, Lithografien, Skulpturen. Die sollen gepflegt und eines Tages in einer Bibliothek und einem Tanzmuseum gezeigt werden. Dazu kommt, was man meine Lebensarbeit nennen könnte: Die Partituren, meine Notizbücher – inzwischen 136 Ballette.

Sie engagieren sich auch humanitär – für das Hamburg-Leuchtfeuer und dessen Hospiz.

Neumeier: Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die dieses Haus führen, vor ihrer Arbeit und der Sorgfalt, mit der sie anderen in dieser sehr schwierigen Situation helfen.

DIE URAUFFÜHRUNG

Am 12.Dezember kommt John Neumeiers „Weihnachtsoratorium“ (Musik: J. S. Bach) im Theater an der Wien zur Uraufführung. Weitere Termine: 13. und 14.Dezember (alle: 19 Uhr). Karten: ? (01) 588 85.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2007)

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