Bevor man mitreden darf, muss man differenzieren. Bis zur dritten Ableitung. Mindestens.
Haben Sie den neuen „Club2“ gesehen? Ich noch nicht. Das heißt, wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich ihn vielleicht gesehen haben, diese Kolumne ist aber wie jeder Zeitungsartikel ein Brief aus der (jüngeren) Vergangenheit (diesfalls: Mittwoch, zwei Kaffee nach dem Morgengrauen), die sich für Sie als FuturII darstellt, so ist das halt bei Medien mit Produktions- und Übermittlungsdauer 0.
Egal. Es könnte aber sein, dass der neue „Club2“ gewirkt haben wird wie ein Flashback aus der (älteren) Vergangenheit. Aus den Jahren, in denen man noch „Flashback“ sagte. Und in denen man von Lehrern und Eltern, Erziehern und Autoritäten, Senatoren und Professoren standardmäßig einen Satz hörte: „Ich diskutier' nicht mit euch.“ Variation: „Da gibt's jetzt keine Diskussion.“ „Diskussion“, das war Verweigerung, zumindest Verzögerung des Gehorsams, ein freundlicher Virus, mit dem uns die Große-Brüder-und-Schwestern-Generation der heute so genannten Achtundsechziger angesteckt hatte.
So war der „Club2“, gegründet 1976, im Jahr, als Punk ausbrach, im Zeitgeistvorteil, dazu annähernd exklusiv. Denn die Podiumsdiskussion, heute gähnendes Grauen für Sitzfleisch und wachen Geist, hatte noch nicht ihren Siegeszug angetreten, war noch nicht Pflichtprogramm aller Vereinsjubiläen und Deputiertenkonferenzen, Jahrestagungen und Fluch-oder-Segen-Workshops. Um es mit einem passend unschönen Anglizismus zu sagen: Lassen Sie uns zur Schlussrunde kommen...
In den vielen, vielen Präludien zu vielen, vielen Schlussrunden hat das Wort „Diskussion“ den Reiz verloren, den es einst hatte, als sogar die „Kurvendiskussion“ in der Mathematik nach Freiheit klang, obwohl es streng hieß: Bevor man mitreden darf, muss man differenzieren: erste Ableitung, zweite Ableitung, dritte Ableitung.
Nicht diskutiert, sondern experimentiert wird in der Chemie. Vielleicht war es deshalb eine Chemikerin, die in den Achtzigerjahren eine neue Variante des „Darüber-brauchen-wir-gar-nicht-diskutieren“-Verdikts prägte: Margaret Thatcher mit ihrem strengen Spruch „There is no alternative“, von ihren Anhängern – die sich selbst „dries“ nannten, im Gegensatz zu den allzu mitleidigen „wets“ – flott als „Tina“ abgekürzt. Wozu gab es keine Alternative? Zu „tiefen Einschnitten“ natürlich, zu „schmerzhaften Maßnahmen“, zum Markt-Entfesseln und Staat-Zurückschrauben, zum Abspecken und Gürtel-enger-Schnallen, zu Blut, Schweiß, Tränen und Steuersenkungen.
Sie sehen: Die fesche Tina ist noch immer unter uns, ich diskutiere leidenschaftlich gern mit ihr, bis zur Schlussrunde und darüber hinaus, und wenn sie mich einen Etatisten oder gar einen altväterlichen Sozialdemokraten schimpft, dann stecke ich das stolz ein.
Nicht sonderlich heiß wurde dagegen die letztens hier angeregte Diskussion, mit welcher Pflanze unser Bundeskanzler wohl zu vergleichen sei (nachdem der „Spiegel“ vorgeschlagen hatte, die Würgfeige als Allegorie auf Angela Merkel zu begreifen). Die einzige(!) Antwort auf diese Publikumsfrage war umso poetischer: „Mit einer Sonnenblume, die im fremden Licht strahlt.“ Das ist schön: der späte Erbe eines Sonnenkanzlers als Sonnenblumenkanzler. Danke.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2007)