Opfern, cash oder auch bargeldlos

Das weltgrößte Tourismusereignis: die Pilgerreise nach Mekka. Der weltgrößte Touris-musunternehmer: die saudi- sche Regierung. Die Wallfahrt nähert sich ihrem jährlichen Höhepunkt: Am 19. Dezember wird das Opferfest gefeiert.

Es ist das herausragende Ereignis in der religiösen Biografie jedes Muslim, gemäß der fünften Säule des Islam einmal im Leben die Reise nach Mekka zu erleben. Aber die infrastrukturellen Kapazitäten an den heiligen Stätten Mekka, Arafat, Mina, Medina stoßen trotz gigantischer Ausmaße an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Daher sind die Kontingente begrenzt, pro 1000 Einwohner eines Landes wird bloß ein Visum vergeben. Deswegen ist der Andrang groß und gemäß der ökonomischen Regel von Angebot und Nachfrage die Reise teuer. Geschäftemacher in Saudi-Arabien wie auch in den Herkunftsländern der Pilger treiben die Preise in die Höhe und die Gläubigen zur Verzweiflung – das ist immer so gewesen und dieses Jahr ganz besonders. Angebote fanden sich heuer ab einem europäischen Flughafen jenseits der 2000 Euro pro Person für drei Wochen ohne Essen, im Drei- bis Sechs-Bett-Zimmer (Brüder und Schwestern getrennt), Gruppengröße 100 Personen. Für ärmere Muslime wird es wieder schwieriger, den Hadsch zu absolvieren. Aber Saudi-Arabien erwartet für heuer eine Steigerung von 20 Prozent bei den Einnahmen. Im Dezember 2006 ließen die Pilger mehr als 2,5 Milliarden US Dollar in Saudi-Arabien, das war gegenüber dem Jahr davor eine Steigerung um zehn Prozent. Ebenso steigen dürften die illegalen Einnahmen. Denn da vielen Pilgerwilligen die Visa verwehrt werden, finden sich unüblichere Wege, das Gebot des Hadsch zu erfüllen. Das kostet viel Geld und birgt viel Risiko. Immer wieder werden in Mekka und Umgebung bei Razzien Dutzende aufgespürt und samt Helfershelfern festgenommen. Sie werden ausgewiesen, Letzteren drohen empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen.

Mekka, die Heilige: Kein Nichtmoslem darf sie betreten, da sind strenge Kontrollen, die Straßen um Mekka sind so angelegt, dass Nichtberechtigte der heiligen Stätten nicht einmal aus der Ferne ansichtig werden, kein Flugzeug fliegt über Mekka. Es ist keine schöne Stadt, sie birgt keine touristischen Attraktionen, die Pilgerfahrt ist auch kein Urlaub. Es heißt, dass die Mekkaner die Stadt zu Beginn der Pilgersaison fluchtartig verlassen und ihre Häuser und Wohnungen zu Wucherpreisen vermieten. Die Gründe rund um die Moschee al-haram zählen zu den teuersten der Welt, und jedenfalls ist die „verbotene Moschee“ mit 130.000 Quadratmetern, 99 Eingängen und neun Minaretten die größte der Welt. Und Mekka ist die Mutter der Städte, der Nabel der Welt, die Moschee ist der Mittelpunkt der Stadt und in ihr die Kaaba der Mittelpunkt der Erde, das erste Haus der Menschheit, von Adam erbaut und von Abraham wiedererrichtet.


Preistreiberei und Heiligkeit

Für die arabische Halbinsel war die Pilgerfahrt immer wichtig aus ökonomischen Gründen, denn bevor das Erdöl entdeckt wurde, war das Gebiet arm, sehr arm und sehr steinig, die einzige Einnahmequelle waren die Pilger, Preistreiberei war nie ungewöhnlich, bei aller Heiligkeit der Orte. Aber während früher die Pilger der Willkür ausgesetzt waren, ist das Unternehmen Mekka heute ein wohl organisiertes; Saudi-Arabien hat sich seine Patronanz über die heiligen Stätten Milliarden kosten lassen. Seine Majestät Abdullah Ben Abdulaziz, der saudische Monarch, Wächter der beiden heiligen Moscheen (Mekka, Medina), schlägt aus der geografischen Lage politisch Kapital.

Das Hadsch-Ministerium hat heuer den ersten Ankunftstag auf den 11. November gelegt. Am 24. Jänner muss der letzte Wallfahrer wieder abreisen. In diesen zweieinhalb Monaten wird das heilige Land der Muslime zwei Millionen als Touristen beherbergen, verköstigen, von heiligem Ort zu heiligem Ort transportieren, medizinisch betreuen, eine gewaltige logistische Aufgabe. Schon in Jidda (auf dem weltgrößten Flughafen) bemächtigen sich die Behörden der Pilger und geleiten sie durch alle Etappen. Das Zamzam-Büro etwa verteilt gratis heiliges Wasser aus dem Zamzam-Brunnen in der Moschee in Mekka. Ausbeutung, Wartung und Erforschung dieser allen Muslimen heiligen Quelle obliegt dem Zamzam Studies and Research Centre.

Überall, wo es keine Hotels gibt, finden die Pilger klimatisierte, mit Teppichen ausgelegte Zelte vor, überall Sanitäter, die in Ohnmacht Gefallene wiederbeleben, überall Buden, in denen Verlorengegangenen anhand ihrer Identifikationsnummer der Weg zu ihrer Gruppe gewiesen wird. Wann immer der Autobus irgendwo in einem Stau stecken bleibt, steigen sofort Hilfskräfte zu, die Getränke und Imbisse verteilen. Zwar gehört es unter den Pilgern zum guten Ton, auf die Autoritäten zu schimpfen, wenn man wieder einmal für sieben Kilometer zehn Stunden benötigt oder wenn in der Zeltmegalopolis in Mina wieder einmal die Wasserzufuhr für einige Toiletten nicht klappt. Und jeder einzelne der Pilger hat Ratschläge parat für die Beamten, wie sie es besser machen könnten. Aber nach absolvierter Reise anerkennen die Muslime, dass die Saudis da Großartiges leisten, manchmal zähneknirschend, denn beliebt sind sie nicht gerade in der arabischen Welt.

Die meisten Pilger bleiben um die drei Wochen, am wichtigsten sind der 8. bis 10. Tag des 12. Monats des islamischen Jahres (heuer der 17., 18. und 19. Dezember). An diesen Tagen absolvieren alle gemeinsam die vorgeschriebenen Rituale. 2,130.594 Pilger waren es 2006, das Ministerium des Hadsch veröffentlicht die Zahlen auf seiner Webseite (www.hajinformation.com). Heuer sollen es sogar 2,5 Millionen werden.

Noch immer sterben Pilger auf der Reise, aber die Regierung tut ihr Möglichstes, Infektionsrisiken und Opferzahlen gering zu halten. So stellen die Botschaften in allen Ländern die Visa nur aus, wenn die Antragsteller die geforderten Impfzeugnisse vorweisen können. Flugzeuge, Schiffe und jegliche Fahrzeuge benötigen Desinfektionszertifikate, bevor sie saudisches Territorium erreichen. Man will verhindern, dass Viren aus aller Welt nach Mekka reisen und von Mekka aus sich in aller Welt verbreiten. Heuer hat das Gesundheitsministerium in Mekka und Medina die Apotheken mit den Krankenhäusern computerverlinkt, um Engpässe bei Medikamenten zu verhindern. Weiters werden 1,7 Millionen Broschüren mit Gesundheitsratschlägen in den zehn hier wichtigsten Sprachen verteilt: in Englisch, Arabisch, Französisch, Urdu, Bahasa, Persisch, Russisch, Türkisch, Mandarin und Bengali.

Der vielleicht großartigste Abschnitt der Wallfahrt ereignet sich vor dem Berg Arafat. Dort versammeln sich die Pilger im Tal vor dem 70 Meter hohen Granithügel, an dem der Prophet Muhammad seine letzte Predigt hielt. Dort stehen sie also, jährlich zwei Millionen Menschen, alle weiß gekleidet. Von Mittag bis Sonnenuntergang stehen sie im Tal und grüßen Gott; und sie ziehen Bilanz über ihr Leben, summieren vor sich selbst die guten und die bösen Taten. Zwei Millionen weiß Gekleidete, die vor einem Berg stehen und Gott grüßen. So etwas bietet das Christentum nicht – auch nicht das Zusammengehörigkeitsgefühl, das ein derartiges Erlebnis vermittelt. Und nach Sonnenuntergang dann, auf der Rückfahrt, kommt es alljährlich zum größten Verkehrschaos der Welt, wenn sich die zwei Millionen zur nächsten Etappe, nach Muzdalifa, begeben.


Steinigung auf vier Geschoßen

In Mina, wo Satan in Gestalt von drei Säulen gesteinigt wird (er ist dort nämlich dreimal Abraham erschienen), soll im Jahr 2009 die vierte Bauphase der dann viergeschoßigen al-Jamarat-Brücke fertiggestellt sein. Dann wird eine halbe Million Menschen innerhalb einer Stunde den Teufel an drei Säulen mit je sieben Steinen bewerfen. Derzeit sind es auf einer bloß dreigeschoßigen Brücke bloß 360.000 Personen pro Stunde. Man kann den Behörden nicht vorwerfen, sie täten nicht ihr Äußerstes, um Unfälle, die gerade hier immer häufig waren, zu vermeiden.

Und dann ist da das Opferfest selbst, der Höhepunkt des islamischen Jahres, der größte Feiertag der Muslime, ihr Pendant zu Ostern sozusagen. Etwas über eine Million Tiere werden in Mina geopfert (im weltgrößten Schlachthaus). 18.000 Personen – eingeschlossen die Metzger, 700 Veterinäre, 600 religiöse Berater und Verwaltungspersonal – schaffen das in Zwölfstundenschichten innerhalb von vier Tagen und drei Nächten unter modernsten hygienischen Bedingungen.

Überall in Mekka, Mina und den anderen Orten sind Buden der Islamischen Entwicklungsbank (IDB). Dort kaufen jeder Mann und jede Frau (45 Prozent der Pilger sind weiblich) Bons für Schlachtung und Verteilung der Opfertiere. Ausdrücklich warnt die IDB – verantwortlich für die Nutzung des Hadsch-Fleisches – vor gefälschten Bons. Jeder bezahlt mindestens ein Schaf, eine Ziege, ein Siebentel Kuh oder ein Siebentel Kamel. Man kann einen Widder auch erwerben auf www.adahi.org, ihn in den Einkaufswagen legen und mit Kreditkarte bezahlen. So um die 100 Euro werden dem Pilger als Opfer abverlangt. Ein Drittel des Fleisches wird an Arme gespendet, sofort nach der Schlachtung portioniert, tiefgekühlt und geht per Flugzeug an die Bedürftigen in islamischen Ländern. Wenn irgendwo in der Welt Krisensituationen mit Versorgungsengpässen auftreten, schickt die IDB Hammel und Rind aus Mina. Heuer zum Beispiel geht eine Schiffsladung voll Fleisch nach Darfur.


Das nächste Mal in 33 Jahren

Nicht nur im Rahmen der Pilgerfahrt wird das Opferfest – Aid al-Adha – gefeiert, sondern in der gesamten islamischen Welt. Es ist ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Alle Werbung ist schon einen Monat vorher allein darauf ausgerichtet. Es herrscht Hochsaison für Transportunternehmer, Waren und Personen, denn jeder will das Fest mit Familie verbringen, und jeder muss dafür Waren kaufen.

Es herrscht Hochsaison auch für die Hirten und Besitzer der Herden, denn nun wird verkauft, wofür sie das Jahr über gearbeitet haben. So ziemlich jede Familie erwirbt einen Widder zur Erinnerung an das Opfer Abrahams. Ein Drittel wird an Arme gespendet, ein Drittel Nachbarn und Freunden geschenkt, ein Drittel liefert den Braten am Festtag.

Der gewaltige Bedarf zu diesem einen Zeitpunkt ist dafür verantwortlich, dass die Preise für Hammel und Lamm am höchsten sind. Lamm ist teurer als Rind, in allen islamischen Ländern und ganz besonders vor dem Fest. Und natürlich kaufen Spekulanten die Tiere auf. Kurz vor dem Fest kostet ein Hammel doppelt so viel wie zu anderen Zeiten.

Heuer fallen Weihnachten und Aid al-Adha fast zusammen – der Beginn des viertägigen Festes ist am 19. Dezember. Da das islamische Jahr als Mondjahr meist um elf Tage kürzer ist als das gregorianische Kalenderjahr, wird dies erst wieder in 33 Jahren der Fall sein.

Das weltgrößte Tourismusunternehmen jedenfalls ist vielleicht auch das am weltbesten organisierte. Wer etwas über Tourismusmanagement lernen will, erkundige sich in Saudi-Arabien. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2007)