Theresianum: „Das Internat erlebt eine Renaissance“

Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Reportage. Das Theresianum vereint Tradition, Weltoffenheit und modernste Unterrichtsmethoden.

WIEN. Elite oder Schnösel? Die erste Assoziation mit dem Theresianum in Wien ist meist mit Vorurteilen verbunden. Dessen sind sich die Theresianisten wohl bewusst, wie ein Zitat des Schulsprechers Philipp Engel aus dem Jahresbericht 2006/07 zeigt: „Von anderen Schulen bekommt man zeitweise negative Pauschalurteile über Theresianisten zu hören. So lange wir diesen selbst keinen Glauben schenken, besteht keine Gefahr, dass sie Gültigkeit erlangen.“

Ein Besuch in dem geschichtsträchtigen Gebäude in der Favoritenstraße zeigte, dass die Vorurteile über die elitäre Privatschule überholt sind – und man aufgeschlossenen und selbstständigen Jugendlichen gegenüber steht. Die Schulleitung legt hohen Wert auf eine umfassende Bildung, mit Schwerpunkten auf Sprachen und Internationalität, auf musisch-kreative Bereiche und Sport. Aber auch die Persönlichkeitsbildung wird einbezogen, wie Erziehungsleiter Martin Helbich betont: „Unser zentrales Anliegen ist eine positive Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Besonders im Internat können wir uns als Erzieher dafür einsetzen, soziale Kompetenzen der Jugendlichen zu fördern.“

Langer Schulweg bleibt erspart

Ist die Idee einer Internatsschule eigentlich nicht veraltet? Ganz und gar nicht, meint die Direktorin Waltraud Hauschka: „Möglicherweise erlebt das Vollinternat eine neue Renaissance, weil viele Eltern beruflich bis spät abends in Anspruch genommen werden. Ebenso ist das Internat eine gute Möglichkeit, dass die Kinder hier bleiben können, wenn berufliche Versetzungen ins Ausland vorkommen. Andere Schüler sparen sich einen langen Schulweg“.

Da stimmen die Schüler zu. Der Fünftklassler Benjamin Ehrenfreund schätzt es, dass er nicht so früh aufstehen muss, um pünktlich im Unterricht zu erscheinen. Und Josef Gaß aus der siebten Klasse wohnt lieber hier im Doppelzimmer, das er sich mit einem französischen Austauschschüler teilt, als die Fahrtzeit von einer Stunde zwischen Wien und Drösing im Weinviertel auf sich zu nehmen.

Freiheiten haben sie genug, meint sein Klassenkollege Max Absenger dazu: „Unter der Woche können wir bis 22 Uhr fortgehen und auch am Nachmittag müssen wir nicht ununterbrochen herinnen sitzen.“ Das nervt nämlich einige der halbinternen Schüler. Schließlich wohnen nur zirka 100 der hier unterrichteten 816 Schüler im Internat. Halbintern heißt, dass die Jugendlichen mit Mittagessen versorgt und bis 17.30 Uhr im eigenen Klassenraum von Lehrern betreut werden.

Vor allem die älteren Schüler fühlen sich durch die ständige Anwesenheitspflicht eingeschränkt: „Ich sitze manchmal nur Zeit ab, die ich lieber zuhause verbringen würde“, meint die 17-jährige Romina Karlberger. Gerade im Winter weiß man nicht, wohin mit der Zeit. Im Sommer ist es besser, da man das Riesenareal mit Park und Sportplätzen gut nutzen kann. Die Winternachmittage werden eher im Schüler-Café verbracht, das von Schülern für Schüler geführt wird.

Eine doppelte Verwendung findet im Theresianum einer der Speisesäle: Dort werden viele Tests und Schularbeiten abgehalten. „Wir möchten nicht Tests in Gruppen mit unterschiedlichen Fragen teilen. Damit der Test einheitlich ist, aber man nicht abschreiben kann, verlagern wir ihn hierher, wo jeder Schüler an einem Tisch sitzt“, erzählt der Administrator Fritz Tiefenbrunner.

Geschichtsunterricht auf Französisch

Wie sehen denn die Tests der zweisprachig geführten Klassen aus? Pro Jahrgang gibt es eine Europaklasse, in der ab der ersten Klasse verstärkt Französisch unterrichtet und ab der dritten Klasse Geschichte und Geografie in französischer Sprache gehalten wird. Christophe Noblet ist einer der französischen „native speaker“ (der französische Ausdruck dafür ist paradoxerweise ungebräuchlich): „In den Geschichte- oder Geografietests haben die Schüler oft Angst, auf französisch zu antworten. Aber ich halte es so, dass man vorerst mit der französischen Frage Pluspunkte sammeln kann. Meine größte Herausforderung ist allerdings, französischsprachige Schulliteratur über österreichische Geschichte zu finden. Außer über Sisi und Franz Josef gibt es wenig.

Auch Englisch als Unterrichtssprache wird am Theresianum stark gefördert – nicht nur in den Europaklassen – und ab der sechsten Klasse ist Russisch als dritte lebende Fremdsprache verpflichtend. „Unsere Schule ist sehr international und multikulturell. Es stimmt eben nicht, dass hier nur Reiche und Aristokraten sitzen“, meint der Erziehungsleiter Helbich: „Viele Eltern sparen sich das ab, weil ihnen die gute Ausbildung und Infrastruktur das wert ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2007)


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