Die Wiener Museen kapitulieren nicht vor „Fanmeilen“: Für das KHM treten Arcimboldo und Tutanchamun an, die Kunsthalle schickt Punk/Hopper aufs Feld. Und Kokoschka ist sowieso nicht zu überdribbeln.
Das Phänomen Fußball in kollektiven kulturellen Würgegriff zu nehmen scheint keine spezifisch deutsche Zwangshandlung zu sein. Auch ein Kulturland wie Österreich gibt sich weit vor der Euro 2008 ballverliebt. Und zwar nicht nur mit „herz-rasen“, der kulturhistorischen Aufarbeitung einer Faszination im Künstlerhaus. Sogar das Kunsthistorische Museum reagiert in seiner Werbelinie: „Die schönsten Fankurven der Welt“ steht da etwa auf dem typischen, hier hervorragend passenden KHM-Rasengrün. Und darunter schlingt ein lüstern alle Aggregatszustände missachtender Jupiter ein wolkiges Prätzchen um Nymphe Ios fleischige Hüfte.
Dass diese Rundung einmal mit „Fankurve“ übersetzt wird, wäre Correggio in den 1530ern wohl nicht geschwant. Aber, betonte KHM-General Wilfried Seipel bei der letzten Jahresvorschau-Pressekonferenz seiner Ära am Montag, man erwarte ja nicht nur Hooligans bei der EM. Mit Aktionen wie dem 11er-Ticket (neun zahlen, elf dürfen rein) und dem Führungsprogramm „Wir sind Europameister“ wolle man Fußballfans von der Fanmeile direkt vor der Haustüre abholen.
Zu sehen bekommen sie im Juni dann aber gerade nicht mehr das Highlight des KHM-Jahres: Die große, am 12.2. startende Arcimboldo-Schauwird rechtzeitig vor dem Trubel, am 1.Juni, schließen. Dafür ist die von KHM-Kuratorin Sylvia Ferino erarbeitete Ausstellung über den manieristischen Veggie-Porträtisten der Habsburger noch bis 13.Jänner im Musée du Luxembourg in Paris zu sehen.
Und auch die zweite große KHM-Sonderpräsentation des Jahres wird die Fanmeile nicht mehr bereichern: 120 Objekte aus dem Nationalen Palastmuseum in Taipeh (26.2.–12.5.). Darüber müssen sich Fußballfans wohl gegenüber, mit Tutanchamuns Schätzen im Völkerkundemuseum trösten (9.4.–28.9.; die „Presse“ berichtete). Sein letztes Jahr als KHM-General, indem er insgesamt 20 Sonderausstellungen gezeigt und die Ostasien-Sammlung des Völkerkundemuseums wieder aufgestellt haben will, schließt Seipel dann mit „Additionen“ ab, der Präsentation seiner Ankäufe aus 18 Jahren Dienstzeit.
Bis dahin noch einige Jährchen vor sich (2014) hat Kunsthallenchef Gerald Matt, der ebenfalls am Montag sein Jahresprogramm ‘08 vorstellte. Nach Sonderschauen voll Liebe, Trauma und Tod 2007 soll es hier weiterhin – man weiß vielleicht einfach gar nicht, wie existenziell alles rund um einen ist – „existenziell“ zugehen. Punk zum Beispiel. Dieser „letzten großen Revolution in der pophistorisch kodierten Gegenkultur“ widmet Kurator Thomas Mießgang ab 16.Mai eine große Schau – „No one is innocent“ schließlich. Matt selbst kümmert sich davor mehr um Pop, um Björks Gespons und „Shooting star“ Mathew Barney (7.3.–8.6.). Als wahrhaft existenziell, zumindest für das völlig Hopper-verwahrloste Wien, entpuppt sich im Herbst die Gruppenschau „Western Motel“: Nur nach sehr individuellem Flehen konnte Matt nämlich tatsächlich die titelgebende Leihgabe Edward Hoppers von der Yale University ergattern: Schließlich hat er (fast) am Tag der Ausstellungseröffnung Geburtstag – und nennt einen 1953er-Buick wie auf dem Hopper-Gemälde sein eigen. Da stiegen dem Yale-Direktor wohl die Tränen in die Augen. Die Wiener jedenfalls können sie sich wegwischen.
Kokoschka in allen Phasen
2008 dürfen sie sich schließlich auf gar nicht wenig weitere museale Kostbarkeiten freuen: Anfangs eher unabsichtlich, mittlerweile umjubelt, geben in der ersten Jahreshälfte Albertina, Belvedere und Lentos Linz den bisher wohl umfassendsten Einblick in das Werk von Oskar Kokoschka: Das Frühwerk wird im Belvedere (24.1. bis 12.5.) behandelt, das späte in der Albertina (11.4.–13.7.) und die NS-Zeit im Lentos (31.5.–5.10.).
Mit einer großen, rund um die Kunstschau 1908 kreisenden Klimt-Ausstellung im Herbst, Phantastischem Realismus (29.5.–14.9.) und einem unorthodoxen Duell zwischen den Gewinden des Briten Tony Cragg und den Grotesken F. X. Messerschmidts (29.1.–25.5.) bestreitet Agnes Husslein ihr zweites Jahr an der Belvederespitze. Klaus Albrecht Schröder kontert in der Albertina vor allem mit einer Paul-Klee-Schau anlässlich der Übergabe von Carl Djerassis Privatsammlung (9.5.–19.8.). Dazu gesellen sich weniger bekannte Illustrationen von Max Ernst (20.2.–27.4.) und „Gezeichnete Bilder“ van Goghs (5.9.–7.12.).
In ähnlichen zeitlichen Gefilden bewegt sich das Leopold Museum: Egger-Lienz macht ab 15.2. den Auftakt, und spätestens im Herbst sollten dann alle wissen, dass Christian Schad, einer der Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit in Deutschland, zwischen 1925 und 1928 in Wien gelebt hat.
Nicht mehr vorzustellen braucht man dagegen hierzulande Peter Kogler, dem das Mumok heuer eine Mid-Career-Show ausrichtet (17.10.–31.1.09). Bis dahin kann man sich mit dem jungen Factory-Programm (Esther Stocker, Runa Islam etc.) darüber hinwegtäuschen, dass dem Haus, wie Direktor Edelbert Köb monierte, langsam aber niveaugefährdend das Geld ausgeht. „Bad Painting“, eine Gruppenschau absichtlich schlechter Malerei ab 6.6. sollte auf etwaige Folgen allerdings noch kein Zaunlattenwink sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2007)