Bachler: „Ich bin ein lonesome Rider“

(c) Clemens Fabry
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Klaus Bachler über das Großprojekt „Wallenstein“ und das Finale als Direktor des Wiener Burgtheaters.

Die Presse: In der Schule wird Schillers „Wallenstein“-Trilogie kaum noch gelesen. Wie war das bei Ihnen in Ihrer Jugend?

Klaus Bachler: Ich war auf einem Jesuitengymnasium in der Steiermark, wo man diese Werke noch von vorne bis hinten gelesen hat, meist in verteilten Rollen. Wenn ich mich recht erinnere, las ich den Wallenstein.

Warum machen Sie nun im Finale Ihrer Direktion dieses Großprojekt? Bei so viel Monumentalität kann man doch nur verlieren.

Bachler: Angesichts der Zeit scheitert die Kunst ohnehin, und gerade dadurch gewinnt sie vielleicht. Ein Nationaltheater wie die Burg hat sich um die großen Stoffe der Weltliteratur zu kümmern, und außerdem sind wir ja fast die Letzten, die eine solche Produktion mit unserem großen Generationenensemble noch besetzen können.

Was ist das Wesentliche an „Wallenstein“?

Bachler: Es ist, denke ich, das wichtigste Werk zum Thema Macht und Schicksal. Tat und Folgen sind so ineinander verwoben, und es zeigt, dass der Mensch auf die wesentlichen Dinge in seinem Leben wenig Einfluss hat. Wallenstein stirbt nicht an seinen Mördern, sondern an sich selbst.

Lässt sich Hauptdarsteller Gert Voss inzwischen als König von Böhmen titulieren?

Bachler: Er ist in der Tat der Schauspieler mit der größten Fantasie. Jedes Stück verändert ihn, alles, was in ihm vorgeht, zieht er von innen nach außen. Und das macht seine Figuren so groß.

Was geschieht mit dem verstaubten Schiller?

Bachler: Der ist im Kern alles andere als verstaubt. Man muss ihn aber konzentrieren, die großen Anteile von Geschichtsunterricht in seinen Stücken verkürzen und die Sprache, zum Beispiel die unzähligen Adjektive in einem Satz, entkleiden.

Das ist ein harter Schlag gegen die Berliner Inszenierung von Regisseur Peter Stein. Der brachte das Ganze offenbar ungekürzt.

Bachler: Bei allem Respekt vor der Arbeit, mich interessiert das Philologische am Theater nicht. Ich halte Werktreue für einen Ideologie- und keinen Kunstbegriff, man macht sich unangreifbar und setzt sich als Zwerg auf die Schultern von Riesen. Theater ohne Interpretation geht nicht.

Die Verzögerung der Aufführung um ein Jahr, bedingt durch den Ausfall der Regisseurin Andrea Breth, hat fast schicksalhafte Züge. Wie empfanden Sie das als Direktor?

Bachler: Breths Krankheit ist ihre Privatsache. Es gab Verletzungen und Verletztheiten. Das war nicht folgenlos zwischen uns. Es gibt Trennungen, man kommt wieder zusammen, oder auch nicht mehr. Aber im Moment arbeitet sie wieder hier und bereitet für 31.Jänner im Akademietheater „Motortown“ (von Simon Stephens) vor.

Auch Martin Kusej inszeniert erneut für Sie, obwohl er sich ganz verweigern wollte, nachdem Matthias Hartmann als Ihr Nachfolger bestellt wurde. Wie überredeten Sie Kusej?

Bachler: Es gibt glückhafte und schwierige Beziehungen, solche, die brechen, und solche, die ein Leben lang halten. Letzteres gilt wohl für Martin und mich. Ich bin vorsichtig mit dem Begriff Freundschaft, aber wir sind wie zwei Brüder. Er macht für mich im Herbst 2008 die Eröffnung in München. Das ist eine Lebensarbeitsbeziehung. Wir gehen nun auch fast zeitgleich nach München, arbeiten sozusagen Wand an Wand. Er wird Chef im Residenztheater, ich in der Oper.

Wie haben Sie persönlich das ganze Drama um „Wallenstein“ verkraftet?

Bachler: Beruflich war es traumatisch. Aber ein solcher Abbruch ist uns schon in der ersten Produktion passiert, bei „Tochter der Luft“. Wichtig ist, wie man mit solchen Katastrophen umgeht. Ich habe nie ein Projekt verschwinden lassen. Das ist fast eine Art Katharsis. Es war richtig, den Wallenstein noch einmal neu zu beginnen.

Thomas Langhoff ist also keine Notlösung. Wie hat er Sie überzeugt?

Bachler: Es war eher so, dass ich ihn überreden musste. Er wollte das Drama für München machen, er war damit vertraut und ist es auch mit Gert Voss.

Für wie politisch halten Sie Ihre Arbeit in Wien? Gegen die schwarzblaue Regierung im Jahr 2000 haben Sie sich deutlich positioniert.

Bachler: Ich habe von Anfang an den Wienern, die Provokation als Unterhaltung so lieben, die Rolle des Hofnarren verweigert. Wir haben als Burgtheater immer Haltung gezeigt und Farbe bekannt. Und das mit unseren Aufführungen – von Jelinek bis „Don Carlos“, von Schlingensief bis Pollesch.

In Turrinis „Mein Nestroy“ wird dreist behauptet, dass die Josefstadt zurzeit das geilste Theater in Wien sei. Man sah sogar nackte Brüste, war also ein bisserl frech. Waren Sie mit Nitsch und Schlingensief auch nur ein bisserl frech?

Bachler: Das ist eine süße Behauptung, so wie die Josefstadt habe ich mir Geilheit immer vorgestellt. Wir arbeiten nicht mit „amuse gueule“, sondern das Gesamtniveau und der Gesamtinhalt sind von Bedeutung. Man kann nicht ein Mal politische Auseinandersetzung anzeigen und dann wieder ein Jahr lang nette Unterhaltung bieten. Wir beweisen, dass man auch mit „Bunbury“ Haltung zeigen kann, gehen Sie in „Schwarze Jungfrauen“ oder „Verbrennungen“, das verstehe ich unter politischem Theater.

Ziehen wir doch in der vorletzten Saison eine Bilanz: Was bleibt von der Ära Bachler?

Bachler: Das ist ein bisschen früh. Ich hoffe, es bleiben zehn blühende Jahre des Wiener Burgtheaters, einige wichtige Aufführungen, viele neue Stücke und viele Schauspieler, die sich hier entwickelt haben. Nicht zuletzt fast alle Intendantenbesetzungen der jüngsten Zeit kommen aus unserem Haus.

Was kommt noch?

Bachler: Der Shakespeare-Zyklus geht noch lange weiter, er ist ja ein Kontinent, wird mit den Königsdramen fortgesetzt, mit „Heinrich VI.“ und „Richard III.“, an ein oder zwei Abenden, dann kommt „Macbeth“ und schließlich im Kasino als Coda „Ende gut, alles gut“. Wir haben bewusst die unterschiedlichsten Zugänge gewählt. Nicht alles kann gelingen, aber mich freut der Enthusiasmus des Publikums. Dann kommt Ende Oktober 2008 noch der Faust in zwei Teilen, in der Inszenierung von Jürgen Gosch, mit Meyerhoff als Faust und Maertens als Mephisto.

Wann genau zieht Ihr Nachfolger Matthias Hartmann hier ein? Und wen nehmen Sie nach München mit?

Bachler: Er wird wahrscheinlich ab Frühjahr 2009 im Burgtheater mit den Vorproben beginnen und dann im Herbst das Haus übernehmen. Ich bin ein lonesome Rider und gehe allein nach München.

VON WIEN NACH MÜNCHEN

Klaus Bachler (*1951) ist seit 1999, bis 2009 Direktor des Burgtheaters. Ab Herbst 2008 leitet er die Bayerische Staatsoper München. Der Fohnsdorfer studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, spielte dann in Salzburg und an verschiedenen deutschen Bühnen. 1992 wurde er Intendant der Wiener Festwochen, 1996 Direktor der Wr. Volksoper. [Georg Soulek]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2007)

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