Jetzt kommt der Wald in die Stadt, deutlich denaturiert und domestiziert, aber immerhin.
Die von Florian Asamer letztens in seiner sonst so einsichtigen „Schaufenster“-Kolumne gezauste Weihnachten-ist-schon-okay-Bewegung möchte ich hier nach Kräften unterstützen. Und zu bedenken geben: Was für ein Elend wäre diese Jahreszeit ohne Weihnachten! Ich meine, nur Sonnenmangel und Kälte, Wir-müssen-sparen-Ansprachen der Firmenleitungen und Absturzräusche der Belegschaften, das ist ja wohl keine Alternative. Also: Weihnachten, there is no alternative; Advent rules, okay.
Mit Einschränkungen: Die Kalorienkoketterie mit der sog. Weihnachtsbäckerei nimmt unerträgliche Ausmaße an, in der U-Bahn-Werbung liest man derzeit sogar von „Sündigen mit Maß und Ziel“, eine traurige Contradictio in adjecto. Und so sehr man die Grazer Chemiker loben muss, denen es gelungen ist, Vanillin bei Raumtemperatur aus Ferulasäure zu synthetisieren – wird das nicht die bedrohliche Vanillekipferl-Flut noch verstärken?
Aber ein erfreulicher Aspekt der letzten Vorweihnachtswoche wird m.E. viel zu selten erwähnt: Sie bringt den Wald in die Stadt. Zwar in deutlich denaturierter, domestizierter Form, mit Netzen bedacht, mit Preiszetteln besteckt, aber immerhin. „Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude“, schrieb Elias Canetti in „Masse und Macht“: „Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen.“ Ganz ähnlich geht's mir auf Christbaummärkten, abgesehen einmal davon, dass ich mich nicht als Deutscher fühle. Doch hier irrt Canetti ohnehin, wenn er das „Waldgefühl“ exklusiv den Deutschen zuschreibt. Immerhin liegt ein schönes Stück Österreich nicht ganz zufällig zwischen Bregenzer und Wiener Wald.
Oder denken wir an Asterix-Band 17, „Die Trabantenstadt“, wo die gallischen Widerstandshelden dem Cäsar, der ihren Wald fällen und sie damit befrieden will, kraft eines speziellen Zaubertranks etliche Bäume aufstellen, Eichen übrigens. Jeden Morgen ist zum Entsetzen der Römer die nachts geschlagene Lichtung verschwunden, und das einzige Haus der Trabantenstadt, das dann doch gebaut werden kann, ist auf der letzten Seite des Bandes nicht einmal mehr eine römische Ruine, nur Stufen und Steine, von Wurzeln durchwachsen.
Das Bild erinnert an das Cover von Alan Weismans „Die Welt ohne uns“ (Untertitel: „Reise über eine unbevölkerte Erde“), den seltsamsten Bestseller des ablaufenden Jahres. Dort sieht man den Kölner Dom, zugewuchert von Wald, entsprechend den posthumanen Visionen des Buches. Die wir hier nicht teilen wollen: Irgendwie ist es doch besser, der Wald kommt nur symbolisch auf Besuch in die Stadt...
Im Asterix-Band „Die Trabantenstadt“ jedenfalls sind Wald und Welt (die etymologisch gar nicht verwandt sind) noch in Ordnung: Cäsar und die Zivilisation, die er meint, haben wieder einmal vorerst verloren, und das traditionelle Festmahl kann stattfinden, sogar mit dem Barden Troubadix, der ausnahmsweise nicht gefesselt und geknebelt ist, wahrscheinlich weil sein Gesang die Römer aus ihrem Zinshaus vertrieben hat.
Auch weil man dabei falsch singen darf, ohne geknebelt zu werden: Weihnachten ist schon in Ordnung.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2007)